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17.02.2022

„Am Liebsten würde ich als Zahnarzthelferin arbeiten“


Christina Pfister, Sajad, Großmutter Sakine, Jonas, Raziea und Jakob (von links)

Die Familie Hosseini lebt seit sieben Jahren in Deutschland/Mutter Raziea holt gerade ihren Hauptschulabschluss nach

...von Herma Niemann

Bei der großen Flüchtlingswelle im Jahr 2015 kam auch die Familie Hoseini nach Deutschland. Inzwischen sind sieben Jahre vergangen und unsere Zeitung hat einmal nachgefragt, wie es der Familie heute ergeht. Ein Wohnortwechsel hat stattgefunden und Pläne hat die Familie auch.

Familie Hosseini, das sind die Großmutter Sakine (67), ihre Töchter Mahsume (28) und Raziea (31) und Razieas Mann Hussein sowie deren Kinder Sajad (13), Jonas (5) und Jakob (fast 3). Eine weitere Schwester von Raziea ist seit der Flüchtlingswelle in Belgien. Die Familie stammt eigentlich aus Afghanistan, lebte zuletzt aber schon im Iran. Ihre Flucht nach Deutschland dauerte damals 22 Tage.

Nach einem zweimonatigen Aufenthalt in der Lindenberghalle in Osterode, kam die Familie nach Windhausen, wo sie in der Anfangszeit von der ehrenamtlichen Flüchtlingshelferin Christina Pfister betreut wurden. Zu dieser Zeit gab es in der Gemeinde Bad Grund ein gut organisiertes Flüchtlingshelfernetzwerk. Seit einem Jahr leben die Hosseinis in Osterode. In der neuen Wohnung hat die Familie mehr Platz und auch einen großen Balkon. Darüber würden sich besonders die Kinder freuen, sagte Raziea.

Der Umzug nach Osterode habe einiges erleichtert und täglich wiederkehrende lange Wege mit Bus und Bahn unnötig gemacht. Sohn Sajad zum Beispiel besucht die 7. Klasse der Schule am Neustädter Tor, Jonas und Jakob werden von Razia jeden Tag zu einer Tagesmutter gebracht. Für die beiden habe sie leider keinen Platz im Kindergarten bekommen. Mutter Raziea holt zusammen mit ihrer Schwester Mahsume über den Verein Arbeit und Leben gerade den Hauptschulabschluss nach.

Die Kurse finden seit dem vergangenen Herbst jeden Tag von 9 bis 14 oder 15 Uhr statt. Im Juni seien sie dann fertig und hätten den Abschluss in der Tasche. „Am Liebsten würde ich als Zahnarzthelferin arbeiten“, berichtet Razia in recht gutem Deutsch. Welche Ausbildung sie anschließend machen werde, wüsste sie aber noch nicht genau.

Aus dem sechsjährigen Aufenthalt in Windhausen seien einige Freundschaften entstanden. In dem Ort war die Familie durch Vereinstätigkeiten fest verankert. Hin und wieder würde man sich auch heute noch treffen. Jetzt, in Osterode, fange man erst wieder an, Freundschaften zu knüpfen. Dies ginge allerdings noch langsam voran. Trotzdem habe die Familie den Schritt zur Flucht damals nicht bereut.

Zur Vorgeschichte: Im Iran arbeitete der Vater Hussein als Betonbauer, Mahsume in der Qualitätskontrolle einer Fabrik und Raziea als Teppichknüpferin. Großmutter Sakimi arbeitete als Reinigungskraft. Mahsume berichtete im Jahr 2015, dass sie nur nachts arbeiten durfte, da sie aus Afghanistan stammte. Ihre Schicht habe von sieben Uhr abends bis sieben Uhr morgens gedauert. Generell sei es für Frauen, egal ob verheiratet oder nicht, im Iran sehr gefährlich gewesen. Frauen haben praktisch immer mit Übergriffen von Männern rechnen müssen. Und sogar wenn bei einem Vorfall die Polizei dazu gerufen worden sei, habe man kaum Hilfe erwarten können, wenn man keinen iranischen Pass hatte.

Die Flucht bewältigte die Familie zu Fuß, mit dem Auto, auf einem Boot und sogar zu Pferd und Esel mussten sie zum Teil durch unwegsames Gelände. Viel mitnehmen hätten sie nicht dürfen, gerade mal einen Rucksack mit Essen und Trinken und ein paar Sachen zum Wechseln. Auf der Überfahrt nach Griechenland mit etwa 80 Personen auf einem kleinen Boot seien jedoch alle aufgefordert worden, die Rucksäcke über Bord zu werfen, da man sonst zu schwer gewesen sei. Nach der Zwischenstation in Griechenland, wo sie wieder mit dem Nötigsten ausgestattet wurden, kamen sie in ein Lager in Mazedonien, wo sie weder Decken noch genügend zu Essen erhalten haben. Mit Kleidung und Schuhe hätten sie Feuer gemacht. Auch gab es dort in dem Lager viele Krawalle und Unruhen.

Ganz vergessen seien diese Bilder noch nicht. Zumal seit August des vergangenen Jahres die Taliban fast 20 Jahre nach Beginn der NATO-Intervention erneut die Hauptstadt Kabul erobert haben. Die Familie hat noch entfernte Verwandte in Afghanistan, von denen sie hin und wieder von den Lebensumständen hören würden.

Üblicherweise kommt bei der Familie Hosseini die Afghanische und die Iranische Küche auf den Tisch – besser gesagt auf den Boden. Denn traditionell werden die Speisen in Afghanistan und im Iran auf einem Tuch auf dem Boden ausgebreitet, um das sich die Essenden platzieren und die Speisen mit der rechten Hand essen. Deswegen liegen in der Wohnung der Familie große Orientteppiche und Sitzkissen auf dem Boden. Ein Lieblingsessen sind zum Beispiel die gekochten Lauchtaschen „Ashak“. Dafür werden Frühlingszwiebeln und Lauch in einem Teig eingeschlossen im Wasser gekocht. Dazu wird Joghurt gereicht. Sohn Sajad, der sehr gut Deutsch spricht, möge die Iranische und Afghanische Küche im Übrigen mehr als die Deutsche. Auf die Frage, ob er trotzdem ein Lieblingsessen aus der Deutschen Küche habe, sagte er lächelnd: „Kein deutsches, nur ein italienisches Gericht: Pizza“.

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Der kleine Jakob macht mit Vorliebe die Glasplatte sauber

 

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