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15.02.2022

Fast jedes Haus hat einen Namen


In deutscher Schrift dem Sütterlin steht auf diesem Holz der Name des Schneiderhauses geschrieben

von Petra Bordfeld

Lerbach. „Vielleicht wird das Bergdorf Lerbach einmal als die Ortschaft  in Niedersachsen bekannt, in der fast alle der rund 400 Häuser nicht nur eine Hausnummer an der Vorderfront, sondern insbesondere auch eine Haustafel aufzuweisen haben“,  lächelt Ortschronist Rainer Kutscher  Denn diese Zeugen zumeist vergangener Tage informieren über die lokale Heimatgeschichte  – wozu selbstredend auch die Dennert-Tannen zählen.

Auch wenn der eine oder andere Hauseigentümer gar nicht mehr weiß, was die Benennung von zumeist ausgestorbener Berufe, wie etwa Eisensteinsteiger, Köhlermeister, Schindelmacher oder Holzhauer, bedeuten, sind sie stolz auf den durch viele Generationen überlieferten Namen ihres Hauses. Sogar die Postadressen trugen und tragen ab und an nicht die Straßennamen, sondern die des jeweiligen Hauses. Und die Postboten kannten und kennen nicht selten eher den Hausnamen als die Hausnummer.

Wie überhaupt ist es dazu gekommen? Rainer Kutscher weiß auf diese Frage eine sehr ausführliche und nicht minder interessante Antwort. Wann dieser Brauch durch wen gestartet wurde, lässt sich nicht mehr genau herausfinden, es dürfte so Mitte des 19ten Jahrhunderts gewesen sein. 

Dass er sich für den Erhalt oder Erneuerung dieser Schilder einsetzte, welche übrigens auch Touristen in den Bann ziehen, begann übrigens schon vor vielen Jahrzehnten. Denn zu den benannten Häusern gehörte selbstredend auch sein Elternaus „Hoher Tritt“, welches seit rund 300 Jahren in der Friedrich-Ebert-Straße 32 gelegen ist. „Bei Familienfeiern, insbesondere Geburtstagen, wurde in Gesprächen über die Vorfahren und Bekannten sowie über die alten überlieferten Hausnamen und deren Hausbewohner gesprochen“. 

Der Hausname des Gebäudes, in dem er aufgewachsen ist, lässt sich übrigens laut Kutscher leicht erklären. Das Mehrfamilienwohnhaus mit Nebengebäude am Lehmtal (früher Löwental) wurde an dem steilen Berghang errichtet. Deswegen wurde der Keller ebenerdig gebaut, und die Eingangstür war nur über eine steinerne, zwölfstufige Treppe zu erreichen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Oben auf dem Tritt war und ist außerdem noch Platz für eine Sitzbank, wo in den Abendstunden nach der Arbeit manche Spinnstube oder Klönabend abgehalten wurde, geklönt wird da heute noch

Genau das Wissen um die Bedeutung dieses Hausnamens erweckte vor über 60 Jahren in dem kleinen Kutscher das Interesse. Er „spitzte“ auch bei anderen Gesprächen zu diesem Thema seine Ohren und letztendlich realisierte er das Vorhaben, historische Namen zu erhalten oder wieder zu entdecken.

So fertigte er bereits 1984 eine Holztafel über Eigentümer und ihre Berufe als ein Geschenk zum runden Geburtstag seiner Tante an. Dabei erfuhr er von den beiden engagierten Heimatfreunden Karl Aderhold und Wilfried Bügener tatkräftige Unterstützung. Was ihn sehr freute, war die Tatsache, dass nicht wenige Hauseigentümer auch derartige Tafeln für ihre Gebäude haben wollten. „Bei der Suche nach der Bedeutung der Namen haben mir stets die Erinnerungen der Alten geholfen, doch mittlerweile kann ich nur noch mich selbst befragen und Kirchenbücher durchblättern“.

Rainer Kutscher sollte aber in dem Haus der Friedrich-Ebert-Straße 96 auch die Inschrift „Spendelpucherich“ entdecken. Da er es nicht beim sich wundern belassen wollte, begab er sich auf die Suche nach der Entstehungsgeschichte dieses Wortes. Es hat mit einem Haus zu tun, welches  bereits 1808 einstöckig errichtet wurde und in seiner ursprünglichen Bauart erhalten geblieben ist. Zu dem recht unbekannten Namen soll es allerdings schon bei der Errichtung des Hauses gekommen sein. Weil der Erbauer, Zimmermann Georg Christoph Gärtner, beim Zusammenzimmern der Holzbalken von einem Neugierigen gefragt wurde: „Wat sall denn dat wär`n?“ antwortete er ganz spontan:  „Spendelpucherich“. Im Hochdeutschen heißt das, dass  dort ein Pochwerk errichtet werden sollte, in dem Stecknadeln hergestellt werden. Diese scherzhafte Antwort hatte sich schnell herumgesprochen und ist bis heute erhalten geblieben, nur kennt heute kaum jemand die übersetzte Aussage.

In der Friedrich-Ebert-Straße 106 steht ein Haus, bei dem ein Namensschild in Deutscher Schrift (Sütterlin) ins Auge fällt. Darauf steht geschrieben, dass es einst das Haus des Schneiders war. Doch die ersten Eigentümer waren Waldarbeiter und Holzhauer. Erst 1806 erwarb es der erste Schneider. Übrigens dürfte es nicht mehr das Haus sein, welches schon 1766 errichtet worden war.

In der Friedrich-Ebert-Straße 33 steht „Die Sinkige“. Bevor in  dem Bergdorf in den Jahren 1844/45 der Straßenbau in Angriff genommen wurde, waren Bachbett und Fuhrweg eines. Mit dem Straßenbau wurde aus dem Erdgeschoss der Keller, weil es unter dem neuen Straßenniveau lag. Da es so „gesunken“ war, wohnten die Bürger in der „Sinkige“.

Die Symbole „Schlegel und Eisen“ erinnern außerdem daran, dass hier vor Jahrhunderten Eisensteinbergleute wohnten. Die „Wolfsangel“ erinnert als Zeichen der Forstwirtschaft über die Eigentümer mit den Berufen Holzhauer, Köhler, Vasenbinder oder Schindelmacher, die es heute nicht mehr gibt.  „Es sind aber auch nicht selten Ereignisse, wie Hausbrand, Verschuldung und Teilung in Haushälften sowie Hinweise zur Deutung des Namens auf den Tafeln erhalten“.

So ist beispielsweise eine ganz besondere Dennert-Tanne, die von der Heimatstube Lerbach aufgestellt worden ist, im Lerbacher Oberdorf nicht zu übersehen. Sie erinnert daran, dass sich vor 165 Jahren in dem Hexenzipfel ein Feuerinferno ereignet hat.  Denn in der Nacht vom 20. zum 21. Juni 1857 wurden in der Zeit von ein bis drei Uhr 15 Häuser von einem Flammenmeer zerstört, dem ein Ehepaar zum Opfer gefallen ist. Die Häuser wurden aber dem Schaden zum Trotz fast alle wieder dort aufgestellt, wo sie niedergebrannt waren.

Auch wenn der Chronist schon viele Aussagen der Schilder herausgefunden hat, ist er davon überzeugt, dass es noch viel zu tun gibt. Letztendlich dürften nicht wenige alte Wohnhäuser ihren altüberlieferten Namen tragen, dessen Inhalt nicht bekannt sein dürfte. „Wer weiß schon auf Anhieb, wo das Haus „Sinkige“, das „Doktorhaus“ oder die "Füllekuhle“ steht oder wo das „Thielenhaus" und der“Querkrug“ gestanden haben“.

Während das Backhaus, Doktorhaus und das Pfarrhaus sowie das Hirtenhaus, die Mühle und das Schneiderhaus in ihrem Namen verraten, wer hier gewohnt hat, verraten das Hausnamen wie „Treppenhaus“, „Gümpelhof“, „Gatzenhaus“ nicht so viel darüber. 

Übrigens ist an dem Haus, welches vor gut 100 Jahren der erste Lehrer, Kantor, Küster und Organist und Lehrer, Karl Bicke, errichtete und das  Rainer Kutscher seit 1970 sein Eigentum nennt, die neueste Dennert-Tanne zu sehen. Die erhielt der Ortschronist anlässlich seines 75sten Geburtstages von der Heimatstube Lerbach geschenkt. Auf ihr ist die Geschichte des Gebäudes und des ersten Lehrers dieser Ortschaft zu lesen.


Rainer Kutscher freut sich riesig über diese Dennert-Tanne, auf der auch die Geschichte des ersten Lehrers von Lerbach zu lesen ist

Auf dem Hohen Tritt seines Elternhauses trifft sich Rainer Kutscher (li.) gerne mit dem heutigen Eigentümer, Jürgen Kratzin, zu einem Schnack

Wieso dieses Haus zu dem Namen 'Spendelpucherich' gekommen ist, weiß heute kaum noch jemand

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Diese Dennert-Tanne gewährt Einblicke in die Juni Nacht des  Jahres 1857

Dieser Dennert-Tanne ist zu entnehmen, wer schon alles in diesem Kratschhaus gelebt hat

 

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