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02.05.2020

Als amerikanische Panzer durch Gittelde rollten


Die Gräber von drei KZ-Häftlingen auf dem Friedhof in Badenhausen. Sie wurden im April 1945 bei einem Luftangriff getötet

Wie die Gittelder das Ende des Zweiten Weltkrieges erlebten

...von Herma Niemann

Den Gitteldern ist er bekannt: der legendäre Ortschronist Otto Dörge, der im Jahr 1956 eine Dorfchronik über die Zeit von 1900 bis 1956 geschrieben hat. Darin wurde insbesondere auch über die dunkle Zeit des Zweiten Weltkrieges und vom Wiederaufbau in den Nachkriegsjahren berichtet.

Heute ist die Existenz dieser handschriftlich gefertigten Chronik nur noch wenigen Personen bekannt, wie der Heimatchronist Bodo Biegling aus Gittelde berichtet. Diese Chronik hat Biegling im Jahr 2017 mit dem ursprünglichen Text und historischen Bildern neu zusammengestellt und als Nachdruck herausgegeben.

In diesem Jahr jährt sich das Ende des Zweiten Weltkrieges zum 75. Mal. Obwohl es in unserer Region keine direkten Kriegshandlungen gab, hat Biegling die Auswirkungen dieses Krieges und wie Dörge sie beschrieb zusammengefasst. Die Auswirkungen mit all seinen Gewalttaten und Entbehrungen waren ständige Begleiter der Bevölkerung. Entsprechend sind schriftliche Überlieferungen selten, nur noch wenige Zeitzeugen erinnern sich an diese dunkle Zeit. Anfang 1945 kamen viele evakuierte und ausgebombte Menschen aus den durch Bomben zerstörten Städten Hannover und Braunschweig und suchten eine Bleibe.

Die ersten Flüchtlinge aus dem Osten berichteten von ihren grauenhaften Schicksalen. „In Gittelde lebten in den überfüllten Häusern mehr Flüchtlinge als Einheimische. Die unliebsame Wohnungskommission hatte einen schweren Stand, immer weiteren Wohnraum für die zahlreichen Flüchtlinge zu finden“, so Biegling. Sie wurden mit reichlich Distanz und nicht immer mit offenen Armen empfangen. Durch den Ort zogen Trecks von Flüchtlingen mit ihrem wenigen Hab und Gut, versprengte deutsche Soldaten und Todesmärsche mit KZ- Häftlingen aus KZ-Lagern im Südharz. Für die erschöpften Häftlinge wurden von den Anliegern der Thüringer Straße Eimer mit Wasser an die Straße gestellt, die von den SS- Wächtern verächtlich umgestoßen wurden. Am Ortsausgang wurde ein vor Schwäche zusammengebrochener KZ- Häftling von einem SS- Wachmann gnadenlos niedergeschossen. Er wurde am nächsten Tag auf dem Gittelder Friedhof beigesetzt. Für die durchziehenden Flüchtlinge waren in der unteren Schule eine Gemeinschaftsküche, ein Essraum und notdürftige Übernachtungsmöglichkeiten eingerichtet.

Fast täglich gab es Fliegeralarm, wenn der Ort von vereinzelten Flugzeugen oder großen Bomberverbänden mit bis zu 200 oder 300 Flugzeugen stundenlang überflogen wurde. Wiederholt kam es in der Nähe zu sichtbaren Bombenabwürfen, Luftkämpfen und auch einigen Flugzeugabstürzen. Ein größerer Absturz ereignete sich vor dem Hammensen. Hier war ein englisches Militärflugzeug aus großer Höhe abgestürzt und in Brand geraten. Zwischen den weit verstreuten Trümmern fand man acht unkenntlich verstümmelte Leichen. Sie wurden ebenso auf dem Gittelder Friedhof beerdigt. Nach Kriegsende erfolgte eine Überführung auf den Militär-Ehrenfriedhof in Hannover-Limmer. Sogar die Konfirmation zu Ostern 1945 wurde bei Fliegeralarm und starken Flugzeugüberflug in der St. Mauritiuskirche gefeiert. Wer Luftschutz- und Verdunklungsanordnungen nicht einhielt, wurde mit schwerer Strafe bedroht.

Zum Schutz der Bevölkerung wurden Ende 1944 zwei Luftschutzbunker im Hütteberg und am Thingplatz gebaut. Außerdem wurden die Wasserdurchlässe am Eisenbahndamm für Luftschutzzwecke hergerichtet. Am 20. März 1945 wurde am nördlichen Ortsausgang von Gittelde ein Munitionszug mit 42 Wagen von zwölf Flugzeugen angegriffen. Zwölf Waggons brannten völlig aus. Die angreifenden Flugzeuge überflogen Gittelde in einer beängstigenden Tiefe, so dass die Einwohner ihre Keller und die Luftschutzbunker aufsuchten. Bei diesem Angriff kam der unbeteiligte Landwirt Karl Geldmacher ums Leben. Ein weiterer Tieffliegerangriff ereignete sich auf der Eisenbahnlinie zwischen Gittelde und Badenhausen. Hier wurde ein überfüllter Güterzug mit KZ- Häftlingen von Fliegern angegriffen. Mehrere KZ- Häftlinge, die bei diesem Angriff fliehen konnten, wurden von SS-Männern aus Gittelde, Windhausen und Badenhausen aufgegriffen und erschossen. Diese Taten blieben teilweise ungesühnt.

Die Amerikaner besetzen Gittelde. Am 6. April zogen deutsche Artillerie- und Infanteriesoldaten mit schweren Fahrzeugen, Geschützen und Panzern in Gittelde ein, um den Ort zusammen mit dem alarmierten Volkssturm, bestehend aus älteren Männern und Jugendlichen, „verteidigungssicher“ vor den anrückenden Amerikanern machen. Der eindringliche Einwand und die Weigerung von Bürgermeister Robbin, diesen Auftrag auszuführen, weil dadurch der mit Kindern, Frauen und alten Menschen überfüllte Ort unnötig einer großen Gefahr ausgesetzt werde, wurde von der SS- Führung mit der Drohung auf Verhaftung und schwerer Strafe abgelehnt. Dazu die Drohung der SS- Führung: „Was liegt daran? Und wenn ich das ganze Nest zusammenschießen lasse, falls es notwendig ist!“. So wurden an den Ortseingängen Panzersperren und Schützengräben gebaut. Die beiden Eisenbahnbrücken in Richtung Münchehof und die vor Windhausen wurden gesprengt. Durch den Ort ging Angst und Schrecken.

Die Menschen flohen in die bereits überfüllten Luftschutzbunker und in den naheliegenden Wald. Alle hofften auf ein ruhiges Ende, ohne Straßenkämpfe und größeren Opfern. Am nächsten Morgen näherten sich die Amerikaner aus dem Solling kommend von Eisdorf und Willensen den beiden Orten Gittelde und Teichhütte. Begleitet wurden sie von Tieffliegern. Bei dem Vormarsch der amerikanischen Panzer und der Gegenwehr der deutschen Soldaten wurden bei den Gefechten einige Gebäude stark in Mitleidenschaft gezogen. In Teichhütte brannte von Gastwirt Fuhse die große Feldscheune aus und der Saal wurde stark getroffen. Ebenso brannten der Stall von Bauer Armbrecht und das Wohnhaus vom Gemeindevorsteher Barkhoff. Sämtliche Akten der Teichhütter Gemeindeverwaltung wurden dadurch vernichtet. Das in Fuhse`s Saal befindliche Lebensmittellager wurde von Einheimischen geplündert.

In Gittelde wurden das Wohnhaus und die Gewächshäuser von Gärtnermeister Härtel stark beschädigt. Wilhelm Härtel sen. wurde bei diesem Angriff lebensgefährlich verwundet. Ein amerikanischer Arzt leistete sofort erste Hilfe. Bereits am nächsten Tag erlag er in Göttingen seinen Verletzungen. Während des Vormarsches der Amerikaner zogen sich die deutschen SS- Soldaten kampflos in Richtung Windhausen in den Harz zurück. Panzerfäuste, Waffen und Ausrüstungsgegenstände wurden ungeordnet zurückgelassen. Ein weiterer amerikanischer Vormarsch kam aus Richtung Münchehof. Der grauenvolle Krieg war am 11. April 1945 in Gittelde vorbei. Trotz der großen Panzersperren und Schützengräben wurde Gittelde am 11. April fasst kampflos und mit überschaubaren Schäden von den Amerikanern besetzt.

Der grauenvolle Krieg war endlich vorbei. Unter der amerikanischen Besatzung fing im Dorf langsam ein neues Leben an. Trotzdem war Gittelde von der Außenwelt abgeschnitten. Es gab keine Bahnverbindung, kein Telefon- und Postverkehr, Licht und Radio gingen nur zeitweise. Es war ungewohnt, dass die Luftschutzsirenen nicht mehr heulten, obwohl noch immer Flugzeuge, teils in niedriger Höhe, über Gittelde hinweg flogen.

Aus den Wäldern kamen versteckte Soldaten und baten um Zivilkleidung. Ihre Uniformen, Waffen, Soldbücher und Ausrüstungsgegenstände hatten sie in großen Mengen im Wald und den beiden Bunkern zurückgelassen. Für die 100 amerikanischen Besatzungssoldaten wurden in der Thüringer Straße die Häuser von Hermann Heine, Robert Limburg und Otto Müller beschlagnahmt. Die Eigentümer und Mieter mussten sich kurzfristig im überfüllten Dorf eine neue Bleibe suchen. Von der Besatzungsbehörde kamen die ersten Anordnungen. Die Verwaltung wurde beschlagnahmt. Täglich gab es Sprechstunden des amerikanischen Kommandeurs in der Gastwirtschaft Beulshausen (heute Gasthaus Bode). Es kam zu Hausdurchsuchungen und zur Verhaftung einiger NS- Leute aus dem Ort.

Im Ort befindliche deutsche Wehrmachtsangehörige mussten sich bei dem Bürgermeister melden. 45 Männer wurden nach einer kurzen Befragung in die amerikanische Gefangenschaft überführt. Im Dorf kam es vermehrt zu Überfällen und kriminellen Handlungen (Mord, Einbrüche, Plünderungen, Diebstählen). Die Amerikaner organisierten die Aufstellung einer 16 Mann starken Hilfspolizei und regelmäßige Patrouillen von bewaffneten amerikanischen Soldaten durch den Ort. Sogar der Ernst-August-Stollen wurde von den Amerikanern inspiziert. Der Bergmann August Hüter musste mit einem Trupp überängstlicher, schwer bewaffneter Soldaten den Stollen in einem Kahn vom Bergwerk Hilfe Gottes in Bad Grund bis zum Mundloch in Gittelde befahren. Als Dank für seine Mithilfe wurde er reichlich mit Schokolade und Zigaretten bedacht.

Aus dieser dunklen Zeit und dem beginnenden Wiederaufbau gibt es viele Ereignisse und persönliche Schicksale, über die noch zu berichten wäre, wie Biegling sagt. Leider werde die Zeit knapp, denn die Anzahl der Zeitzeugen werde immer weniger und das Geschehene verschwinde im Dunkel der Vergangenheit. Dazu noch einige traurige Zahlen aus Gittelde: Es gab 112 Gefallene und vermisste Soldaten im Zweiten Weltkrieg aus einheimischen Familien, 80 vermisste Soldaten und Privatpersonen aus geflüchteten Familien und 82 Kriegsgefangene aus einheimischen und geflüchteten Familien.

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In Teichhütte brannte im Jahr 1945 von Gastwirt Fuhse die große Feldscheune aus und der Saal wurde stark getroffen

Nach dem 11. April 1945 gab es in der Gastwirtschaft Beulshausen täglich Sprechstunden des amerikanischen Kommandeurs. Heute ist es das Gasthaus Bode

 

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