Kultur

15.05.2019

Ben Becker brillierte in der Osteroder Stadthalle


Stehender Applaus war der Lohn für den Künstler und seinen musikalischen Begleiter.

von Ralf Gießler

Bei Lesungen gibt es verschiedene Arten von Stille. Einmal die, die Langeweile ausdrückt, weil das Publikum eingeschlafen zu sein scheint. Und die, die das genaue Gegenteil ausdrückt - nämlich volle Aufmerksamkeit der Zuhörenden. Letzteres traf auf die musikalische Lesung von Ben Becker am Muttertag in der Osteroder Stadthalle zu.

Das Buch "Der ewige Brunnen", aus dem Becker ausgewählte Texte zu Gehör brachte, beinhaltet eine Sammlung deutscher Gedichte aus mehreren Jahrhunderten. Unterstützt wurde er dabei am Piano von seinem langjährigen Freund und Wegbegleiter Yoyo Röhm.

Entstanden ist die Idee dieser Art von Lesung, als sich Becker an eine alte Tradition in seinem Elternhaus erinnerte. Zu Weihnachten war es Brauch, Künstler und Freunde einzuladen, um zu musizieren, zu feiern und eben auch Texte sowie Gedichte vorzutragen. Ein erstes Ausrufezeichen setzte Ben Becker gleich zu Beginn des Abends mit Goethes Erlkönig. Allen drei Charakteren - Vater, Sohn und Erlkönig - verhalf Becker mittels seiner variabel eingesetzten Stimme zu einer solchen Lebendigkeit, dass es im Saal mucksmäuschenstill war. Man spürte die Verzweifelung des Vaters sowie die Furcht des Sohnes beinahe körperlich.

Es folgten im Laufe des Programms Klassiker wie "Der Zauberlehrling", eine Ballade von Johann Wolfgang von Goethe, die zu seinen bekanntesten seiner Werke zählt. Entstanden ist sie in Goethes Weimarer Zeit 1797, dem sogenannten Balladenjahr der Klassik. Sowie z.B. Theodor Fontanes "John Maynard" oder Gedichte von Schiller, Otto Ernst und Heinrich Heine, um nur einige zu nennen.

Gelungen auch das Bühnenbild bestehend aus einem Holztisch und -stuhl nebst Piano, spärlich beleuchtet nur durch eine Kerze und zwei Scheinwerferspots. Dies trug dazu bei, sich ausschließlich auf die Performance und die Texte zu konzentrieren. Gut auch, dass Ben Becker den "Bad Boy" oder das "Enfant terrible", wie er von nicht wenigen Medien genannt wird, zuhause ließ. Attitüden dieser Art sind auch unnötig. Hat doch Ben Becker mit seiner unverwechselbaren Stimme, seiner Mimik und der gekonnten musikalischen Untermalung durch Yoyo Röhm den alten Texten und Balladen neues Leben eingehaucht sowie den Zuschauern eine tolle zweistündige Veranstaltung beschert. Belohnt wurde dieses Tun mit donnerndem stehendem Applaus.



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