Regionales / Bad Sachsa / Walkenried

24.09.2018

Geschichten, die die Geschichte ermöglichte


Roland Lange stellte sein neues Buch „Dunkle Geschichten aus dem Harz“ in einer außergewöhnlichen Veranstaltung des Grenzlandmuseums Bad Sachsa vor

von Christian Dolle

Die Teilung Deutschlands, die für Jahrzehnte bittere Realität war, gerät allmählich zu einem Fakt in den Geschichtsbüchern. Umso wichtiger ist, es, über diese Zeit zu sprechen, zu schreiben oder sie in Museen erlebbar zu machen. Wie das ansprechend geschehen kann, bewies eine Veranstaltung des Grenzlandmuseums Bad Sachsa mit Krimiautor Roland Lange am vergangenen Freitag.

Zwei Zwillingsbrüder, Heini und Fredi, auf einem beschwerlichen Treck durch den Harz, plötzlich tauchen Tiefflieger am Himmel auf, Bomben werden auf die Menschen abgeworfen. Viele verlieren dabei auf grausamste Weise ihr Leben und die Brüder verlieren einander dabei aus den Augen, die Mutter erklärt dem übriggebliebenen Jungen, dass es keine Hoffnung mehr für Fredi gibt. Mit dieser Szene aus seinem Roman „Todesstreifen“ sorgte Lange gleich zu Beginn für gespannte Stille im Kursaal und vor allem für bedrückende Emotionalität, die bei historischen Themen selten aufkommt.

In einer weiteren Szene wird dann ein Mord geschildert, schließlich handelt es sich bei dem Buch um einen Krimi, und Kommissar Ingo Behrends nimmt die Ermittlungen auf. Die führen in in die Vergangenheit des ehemaligen Zonenrandgebietes und insbesondere in jene Zeit, in der hier im Harz die innerdeutsche Grenze vermessen wurde.

Grenze wurde zum Todesstreifen

„Der Nationalsozialismus und der zweite Weltkrieg waren der Auslöser für die deutsche Teilung“, beginnt Uwe Oberdiek, Ausstellungsleiter im Grenzlandmuseum, die Hintergründe zu erläutern. Bereits 1944 war die Grenze von den Alliierten beschlossen, doch sie wurde in den folgenden Jahren immer wieder verändert, Gebiete wurden zwischen Sowjets und Briten getauscht. Parallel dazu wurden aus Holzpfählen nach und nach immer undurchlässigere Grenzzäune und schließlich der sogenannte Todesstreifen. In den Jahren 1973 bis 1975 gab es großangelegte Vermessungen, die die Teilung in Ost und West eigentlich ein für allemal festhalten sollten.

Zum Glück ist es nicht dabei geblieben. Im Roman erfährt Zwillingsbruder Heini viele Jahre später, dass Fredi den Fliegerangriff damals überlebte, sie jedoch durch die Grenze getrennt wurden und in unmittelbarer Nähe, aber doch in verschiedenen Staaten aufwuchsen. Nur die Fiktion von Autor Roland Lange, aber trotzdem eine jener Geschichten, die die Geschichte ermöglichte.

Für sein neuestes Buch hat sich Lange genau diesen Storys gewidmet, jenen, die wirklich passiert sind, die hier im Harz erzählt werden und die oft noch viel düsterer oder unglaublicher klingen als alles, was Schriftsteller sich ausdenken können. „Dunkle Geschichten aus dem Harz“ heißt das neue Werk und auch daraus wurden an diesem Abend einige Kostproben gelesen.

Menschenverachtender Minengürtel

So beispielsweise eine Erzählung, bei der jemand eine nahe Explosion hört und sofort weiß, dass im Todesstreifen ein Flüchtling auf eine Mine getreten sein muss. Auch zu dieser Geschichte lieferte Uwe Oberdiek die erschreckenden Fakten von der menschenverachtenden Installation des Minengürtels bis hin zur manuellen Suche und Entfernung in den Jahren nach der Wende.

Die beiden anderen Storys waren zum Glück etwas weniger schaurig, vor allem jene, bei der es um eine von Jugendlichen aus dem Bahnhof Herzberg entführte Lok ging, mit der die Jungen dann bis kurz vor Göttingen fuhren. Solche bzw. ähnliche Anekdoten gibt es auch aus dem Leben des Autors, doch wer das genauer wissen möchte, der muss das Buch schon selbst lesen, wich er im späteren Interview aus.

Eine sehr klare Antwort gab er hingegen auf die Frage, was ihn persönlich an solchen Geschichten aus der deutschen Vergangenheit reizt. Wir müssen nämlich aus ihnen lernen, machte er deutlich und appellierte an seine Zuhörer: „Lassen Sie es nicht soweit kommen, dass Kräfte in diesem Land wieder die Oberhand gewinnen, deren Programm Meinungsunfreiheit, Bevormundung und Ausgrenzung sind. Denn nur, wenn Sie ihre Meinung auch weiterhin frei äußern dürfen, ohne Repressalien fürchten zu müssen, haben Sie die Chance, dieses, unser Land im Rahmen Ihrer Möglichkeiten mitzugestalten.“





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