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15.08.2018

"Schulplanung im Blindflug"


Elterninitiative sieht Täuschung von Landrat Reuter

...Elterninitiative/Pejril

Die „Initiative zum Erhalt der OBS Hattorf“ der Elternvertretungen der OBS Hattorf und der Grundschulen Hattorf, Hörden, Elbingerode, Wulften und Osterode-Dreilinden hat nach der Veröffentlichung eines Interviews im HK mit Landrat Bernhard Reuter Stellung zu dessen Aussagen bezogen. Der Sprecher der Initiative äußerte harsche Kritik an den Äußerungen von Reuter.

„Diese Aussagen zum ersten Schultag, in einer Diktion, die ein Schlag ins Gesicht ist für viele Eltern, Schüler, Lehrer und politisch Interessierte, sind völlig inakzeptabel“, sagte Dirk Pejril. Er betonte, dass das von der Initiative noch vor den Schulferien veröffentlichte Grundsatzpapier als konstruktiver Beitrag für eine von vielen Akteuren zu gestaltende Schulentwicklungsplanung in dieser Region zu verstehen sei.

„Herr Reuter legt anscheinend weder Wert auf konstruktive Beiträge, noch nimmt er fachliche oder politische Stimmen wahr. Anders ist sein Alleingang gegen die Aussagen des Schuldezernenten und der Kreis-SPD nicht zu bewerten“, stellt der Sprecher der Initiative fest. Sowohl Schuldezernent Kreisrat Riethig als auch Reinhard Dierkes, Vorsitzender der SPD-Kreistagsfraktion, hatten – teils im Beisein von Landrat Reuter – in öffentlichen Veranstaltungen erklärt, dass der sog. 29er-Automatismus mit „Augenmaß und Blick auf die Schülerzahlenentwicklung“ zu betrachten sein werde, also kein Automatismus stattfände.

Die Elterninitiative hatte am 25. Juni 2018 ein gemeinsam mit der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) verfasstes Grundsatzpapier zur Schulentwicklungsplanung veröffentlicht und umfängliche Vorschläge unterbreitet, eine neu aufzulegende Schulentwicklungsplanung insbesondere für den „Altkreis Osterode“ zu gestalten. Dirk Pejril erklärte hierzu: „Es geht insbesondere auch darum, Schulentwicklungsplanung mit Weitsicht, also langfristiger Perspektive, zu betreiben und nicht allein auf Liegenschaftskosten zu reduzieren. Dabei geht es nicht nur um die OBS Hattorf, sondern um den Erhalt von Infrastruktur im ländlichen Raum insgesamt. Herr Reuter scheint dieses Papier nicht gelesen zu haben. Nach allen Aussagen und konstruktiven Gesprächen sehen sich hier viele Menschen vom Landrat getäuscht. Es bleibt ein Bild: Schulplanung – mit 100 Km/h bei dichtem Nebel durch den Ort. Blindflug mit vollem Risiko!“

Dass das Interview von Reuter heftige Reaktionen insbesondere auch in der Samtgemeinde Hattorf auslöste, machte Dirk Pejril auch daran fest: „Die Aussage von Pastor Natho in der Sonntagspredigt: ‚Wir konnten am Donnerstag alle lesen, wie der Landrat tickt!‘ ist meines Erachtens ein deutlicher Beleg für die Betroffenheit und Wahrnehmung der Menschen in der Samtgemeinde.“

Frank Engels, Schulelternratsvorsitzender der OBS Hattorf, kommentierte die Aussagen von Reuter dahingehend: „Herr Reuter betreibt aktive Verunsicherungspolitik. Das könnte er über Twitter-Beiträge noch steigern, wie wir in der Weltpolitik gerade erleben.“

Die Initiative erklärte, dass sie ihre Arbeit verstärkt fortsetzen werde.

 

Das Grundsatzpapier „Schulentwicklungsplanung im Altkreis Osterode - Zukunftsgerechte Bildungspolitik für eine ländliche Region“ wird mit dieser Presseinformation allen Kreistagsmitgliedern per E-Mail übermittelt.

Zu den Aussagen von Landrat Bernhard Reuter – veröffentlicht in der Ausgabe des HarzKuriers vom 09.08.2018 (Seite 2 / Interview) – nimmt die Elterninitiative im Einzelnen wie folgt Stellung:

Reuter: „… Im letzten Schuljahr waren 26 Kinder angemeldet worden, jetzt sind es 48, fast eine Verdoppelung. Das liegt ja nicht daran, dass es auf einmal mehr Kinder gibt. Es hat jetzt jeder verstanden, dass es um die Zukunft der Schule geht. Die Eltern wägen jetzt anders ab.“

Allein auf einen Abwägungsprozess der Eltern abzustellen, dürfte die realen Gegebenheiten kaum widerspiegeln. Landrat Reuter widerspricht sich in Teilen selbst, wenn er zugleich von Schwankungen in den Schülerzahlen spricht. Neben einem sicherlich festzustellenden Solidarisierungseffekt konkret für die OBS Hattorf sind gerade auch Schwankungen in den Schülerzahlen mittel- und langfristig einzukalkulieren. Das gilt für die verschiedensten Schulformen – nicht nur für Oberschulen.

Reuter: „… OBS Hattorf … hat eine hohe öffentliche Aufmerksamkeit bekommen. Allen ist klar: Wenn die Schülerzahl unter 29 sinkt, ist die Schule weg vom Fenster. Diese Messlatte gilt für alle anderen Oberschulen auch.“

Diese Aussage steht im klaren Widerspruch zu getätigten Aussagen von Kreisrat Marcel Riethig und des Vorsitzenden der SPD-Kreistagsfraktion, Reinhard Dierkes, in der OBS Badenhausen.

(Gemeinsame Presseinformation der Initiative und von Kreisrat Riethig, Nr. 11, vom 26. März 2018: „Die vom Kreisausschuss mit Beschluss vom 6. März betonte Mindestzahl von 29 Anmeldungen für die 5. Klasse werde bei Unterschreitung nicht automatisch zur Auflösung der OBS führen, sondern mit Blick auf erkennbare Schülerzahlen in den nachfolgenden Schuljahrgängen zu bewerten sein.“

Losgelöst davon wird die Wortwahl dem Thema und der Betroffenheit von Schülern, Eltern, und Lehrkräften in keiner Weise gerecht.

Reuter: „Die Debatte um die OBS Hattorf war richtig gut und hat etwas bewirkt. Zuerst war ich ziemlich entsetzt, dass seitens der Schule so getan wurde, als ob man nichts wusste. Der Schulleiter wusste seit November 2017 Bescheid. Wir müssen künftig besser darauf achten, dass solche Informationen weitergegeben werden. Ich lege Wert darauf, dass Verfahren öffentlich bekannt sind und keiner davon überrascht wird.“

Es ist bedauerlich, dass der Landrat die Defizite im richtigen Umgang mit elementaren Informationen vor allem beim ehemaligen Schulleiter und nicht im eigenen Wirkungsbereich sucht. Die Reflexion zu den Diskussionen um den Entscheidungsprozess zur geplanten Auflösung der OBS Hattorf und zu den Schließungen der Oberschulen Badenhausen und Bad Sachsa sollte eigentlich dazu geführt haben festzustellen, dass es nicht Aufgabe eines Schulleiters sein kann, notwendige Informations- und Beteiligungsprozesse des Schulträgers zu ersetzen.

Reuter: „Die Angst vieler Eltern bezieht sich darauf, dass sie fürchten, eine Schule wird von einem Tag auf den anderen geschlossen. Aber das ist nicht der Fall. … Die Schule läuft aus. … Oft sehen die Eltern dann mit der Zeit selbst keinen Sinn mehr im weiteren Fortbestand und lassen ihre Kinder die Schule wechseln. In Adelebsen konnten wir sogar zwei Jahre früher schließen als geplant.“

(Kerstin Haack, stellvertretende Vorsitzende des Kreisverbands der GEW)

„Das Land Niedersachsen trägt immense Personalkosten und investiert erhebliche Mittel, um qualifizierte Lehrkräfte in den Schulen zu haben. Die offenkundige Freude des Landrats über frühzeitige Schulschließungen spricht für sich: Erfolge in der Schulpolitik werden an möglichst frühzeitigen, Kosten senkenden Schließungen festgemacht.“

Reuter: „Wir kommen jetzt in die heiße Phase der Schulentwicklungsplanung. Basis des SEP sind Ist-Zahlen, demografische Daten und die Ergebnisse der Elternbefragung. … Derzeit wird der Entwurf in der Verwaltung ausgearbeitet, der dann am 18. Oktober im Schulausschuss vorgestellt wird. Dann geht es ins Beteiligungsverfahren. … Dann geht der Entwurf am 29. November erneut in den Ausschuss. Danach beginnt die letzte Phase der politischen Meinungsbildung, die in einen Beschluss des Kreistages am 18. Dezember mündet. Der Kreistag hat das letzte Wort.“

Es ist zumindest feststellbar, dass seitens der Landkreisführung die formalen Beteiligungserfordernisse für die Neuauflage einer Schulentwicklungsplanung Berücksichtigung finden sollen. Es ist allerdings bedauerlich, dass gerade der vor dem Hintergrund der besonderen Situation im Altkreis Osterode angedachte Weg einer breiten Information und Beteiligung der Eltern- und Lehrerschaft, wie in ersten konstruktiven Gesprächen erörtert, nicht weiter verfolgt werden soll.

Reuter: „…Die Kritik an der Elternbefragung ist interessengeleitet. Die Befragung erfolgte nach wissenschaftlichen Kriterien und unter Begleitung der Uni Göttingen. … Und im Anschreiben steht ausdrücklich, dass die Antworten Folgen haben werden.“

Die Elterninitiative hält an ihrer Kritik zur Elternbefragung fest.

Die in Umsetzung des Kreistagsbeschlusses vom 21.06.2017 mit Schreiben des Landkreises vom 16.10.2017 an die Eltern im Kreis Göttingen übermittelte Befragung diente ausdrücklich der Erkenntnisgewinnung zum weiterführenden Schulangebot und der Weiterentwicklung der Schullandschaft.

Es entspricht nicht den Tatsachen und ist in Würdigung der Umstände der Befragung zu negieren, dass den befragten Eltern klar sein konnte oder musste, „dass die Antworten Folgen haben werden“.

Die Elternbefragung litt – mit der vom Landkreis verfolgten Zielrichtung – an methodischen und fachlichen Defiziten und hat insoweit in der Auswertung der Daten vermeintliche Erkenntnisse hervorgebracht, die als Begründung für schulentwicklungsplanerische Maßnahmen nicht herangezogen werden können. Insbesondere der Umstand, dass den Befragten der Zweck und letztlich der Effekt ihres Beitrags nicht erkennbar war, zugleich der Wunsch der Eltern zum zukünftigen Schulbesuch ihres Kindes im Fokus stand, macht diese Daten unbrauchbar.

Auf der Basis durchaus noch repräsentativer Zahlen für den gesamten Landkreis kleinräumige Betrachtungen und Entscheidungen abzuleiten, ist höchst fragwürdig und statistisch unsauber, zumal dargelegte Zahlen in Teilen unvollständig waren.

Die Kritik an der Elternbefragung als „interessengeleitet“ zu bezeichnen, ist insoweit substanzlos.

Festzustellen ist zudem, dass nach den Regelungen des Niedersächsischen Schulgesetzes Elternbefragungen durchgeführt werden können – aber nicht müssen. Auch kann eine Elternbefragung bei weitem nicht die wesentliche Entscheidungsbasis für derartige Entscheidungen sein.

Die Forderung der Initiative ging auch nicht in die Richtung, per se eine neue Elternbefragung einzufordern - getreu dem Motto: Wir fragen so lange, bis uns die Antworten gefallen. Allenfalls ergänzend sollte auf das Mittel der Befragung für die Ermittlung zukünftigen Schulauswahlverhaltens zurückgegriffen werden.

Die vorliegenden Daten sind als tragendes Element für schulentwicklungsplanerische Entscheidungen – zumindest bei kleinräumiger Betrachtung – jedenfalls ungeeignet.

Es sollte angesichts der Entscheidung des Kreistages zur Durchführung der Befragung Aufgabe der Politik sein, diesen Prozess einer kritischen Würdigung zu unterziehen.

Reuter: „Alles hat eine finanzielle Seite. Wir investieren sehr viel im schulischen Bereich. … Deshalb müssen wir uns auf die Schulen konzentrieren, die langfristig überleben werden.“

Die Initiative hält an ihrer Empfehlung und Forderung fest, Schulentwicklungsplanung nicht nur auf Haushaltsplanungen unter dem Zwang der Haushaltskonsolidierung basieren zu lassen. Qualitätsmerkmale und nicht-monetäre Kriterien zur Gewährleistung hochwertiger und erreichbarer Bildungsstrukturen müssen zwingend – ebenso wie mittel- und langfristig belastbare Schülerzahlenprognosen – einfließen.

 

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