Panorama

22.02.2018

„Werk Tanne“ ist verkauft


Bis 1944 wurde im Werk Tanne in Clausthal-Zellerfeld TNT hergestellt. Die Sprengstoffrückstände sind extrem giftig und gesundheitsschädlich

Die Halali Verwaltungs GmbH hat das Areal mit Rüstungsaltlasten gekauft und will es nachhaltig bewirtschaften

...von Herma Niemann

Seit dem 1. Februar ist das ehemalige Rüstungswerk „Werk Tanne“ in Clausthal-Zellerfeld in neuen Händen. Der neue Besitzer, die erst vor kurzem gegründete Halali Verwaltungs GmbH mit Sitz in Liebenau hat das rund 120 Hektar große und mit Rüstungsaltlasten behaftete Areal von der bisherigen Grundstückseigentümerin IVG Management GmbH übernommen. Die Industrieverwaltungsgesellschaft (IVG) wurde 1916 als Verwertungsgesellschaft für Montanindustrie gegründet und war auch Bauherrin des Werks Tanne zur NS-Zeit.

Gesellschafter war bis zur Teil- und anschließenden Vollprivatisierung die Bundesrepublik Deutschland, die Beteiligung wurde vom Bundesfinanzministerium gehalten. In den Jahren 2013 und 2014 hatte die IVG mit einer Insolvenz zu kämpfen.

Seit dem Jahr 2014 besteht zwischen der IVG und dem Land Niedersachsen ein Vergleichsantrag zur Sanierung der Rüstungsaltlasten Werk Tanne sowie den Liegenschaften Liebenau und Dörverden. Der Ausgangspunkt für den Vergleichsvertrag war ein Rechtsstreit bezüglich der ehemaligen Munitionsfabrik in Herzberg, der bereits seit den 1990er Jahren zwischen dem Landkreis Osterode am Harz und der IVG anhängig ist. Die Bodenschutzabteilung des Landkreises und das Umweltministerium vertreten die Auffassung, dass die IVG wegen ihrer Einbindung in die Rüstungswirtschaft des ehemaligen Deutschen Reiches als Mitverursacherin von Bodenkontaminationen anzusehen ist.

Seit dem Vergleich fließen jährlich von der IVG zwei Millionen Euro für die Dauer von 15 Jahren, mit denen Boden und Grundwasser rund um das Werk und zwei andere Fabriken saniert werden sollen. Mittlerweile wurden auch die Pfauenteiche in der Nähe des Werks saniert.

In einer Pressemitteilung der Halali heißt es, dass Jens J. Jacobi und Alexander Prinz von Schönburg-Hartenstein das ehemalige IVG-Gelände übernommen haben. Ziel sei, wieder an die ursprüngliche Nutzung des Areals als forstwirtschaftlichen Betrieb anzuknüpfen. „Der Fokus liegt klar auf der nachhaltigen forstwirtschaftlichen und jagdlichen Bewirtschaftung der Flächen“, so Alexander Schönburg-Hartenstein. Als neue Besitzer seien sie sich der überregionalen Bedeutung des Areals bewusst und betonen, dass ihnen die Zusammenarbeit mit den Gemeinden und der Kontakt zu der lokalen Bevölkerung am Herzen liege.

Weiter heißt es, dass der Vergleichsvertrag zwischen der IVG und dem Land für die Durchführung der Sanierungsmaßnahmen der Rüstungsaltlasten von dem Verkauf unberührt bleibe und unabhängig davon weitergeführt werde. Heißt eigentlich, dass die in dem Vergleich geregelte Zahlung durch die IVG auch weiterhin erfolgen wird. In der Pressemitteilung heißt es dazu weiter, dass ein umfangreiches Sanierungskonzept erstellt worden sei, welches aktuell mit der Unteren Bodenschutzbehörde des Landkreises Goslar abgestimmt werde. Im April soll der Sanierungsplan allen relevanten Trägern öffentlicher Belange zum Erhalt der Sanierungsgenehmigung vorgestellt werden. Bereits laufende und vorbereitende Maßnahmen für die zeitnahe Umsetzung des Sanierungskonzeptes würden fortgesetzt beziehungsweise seien bereits einvernehmlich begonnen.

In einem Gespräch mit dem Pressesprecher des Landkreises Goslar, Maximilian Strache, betonte dieser, dass dem Landkreis Goslar vor allem wichtig sei, dass der Käufer vollinhaltlich in die Vereinbarungen mit dem Land eintritt. Dies wiederum würde jedoch entgegengesetzt der Aussage der Halali Verwaltungs GmbH stehen, nämlich dass, wie eben beschrieben, der Vergleichsantrag von dem Verkauf unberührt bleibe.

Das von der IVG zur Sanierung bereitgestellte Geld in Höhe von insgesamt 30 Millionen Euro soll nach Informationen unserer Zeitung auf einem Notaranderkonto liegen.

Das Thema der Sanierung der Altlasten war in der jüngsten Zeit durch einige Presseberichte wieder mehr in den Vordergrund gerückt. Denn in Petershütte (Landkreis Göttingen) sorgen momentan Fälle von Hirntumoren für Unruhe bei den Einwohnern. Im Verdacht steht deswegen auch das Werk Tanne, wo die Nazis bis 1944 meist mit Zwangsarbeitern große Mengen des gefährlichen Sprengstoffs Trinitrotoluol (TNT) hergestellt wurden. TNT ist nicht nur explosiv sondern auch hochgradig giftig. Der Stoff aus Erdöl verändert das Erbgut, ist krebserregend und kann bei der Aufnahme über die Atemwege oder den Mund zum baldigen Tod führen. Zudem gilt TNT als äußerst stabile Verbindung. Experten gehen von einer Lebensdauer von 450 Jahren aus, und der Zerfallprozess sorgt dafür, dass der Stoff noch gefährlicher wird.

Ein Arzt hatte mehrere Fälle von Glioblastomen, eine bösartige Tumor-Art, bei Einwohnern aus Petershütte den Behörden gemeldet. Der Landkreis Göttingen will jetzt mögliche Ursachen genauer untersuchen. Dabei soll geklärt werden, ob die Menschen erkrankt sind, weil Gift im Boden oder Trinkwasser gelangt ist und ob diese Stoffe aus der TNT-Produktion bei Clausthal-Zellerfeld stammen. Das Land Niedersachsen hat dem Landkreis Göttingen mehr als 200.000 Euro für Grundwasser- und Bodenproben genehmigt.

Neben der Halali Verwaltungs GmbH sind Alexander Prinz von Schönburg-Hartenstein und Jens J. Jacobi auch die Geschäftsführer der Halali & Co. GmbH, einem Online-Versandhändler für Jagdaccessoires. Jens J. Jacobi aus Kamenz ist schon länger im Immobiliengeschäft tätig. Er ist auch Geschäftsführer der D.U.R.A REAL GmbH (25.07.2017 Neueintragung), die den Erwerb, die Veräußerung und Verwaltung von Rechten und Beteiligungen an Unternehmen sowie die Verwaltung des eigenen Vermögens und alle damit im Zusammenhang stehenden Geschäfte zum Gegenstand hat, wie auch den Erwerb und die Veräußerung von beweglichen Vermögensgegenständen jeglicher Art, die kaufmännische und technische Beratung von Unternehmen; die Entwicklung, der Erwerb, der Verkauf, die Verwaltung und Beratung von Immobilienprojekten sowie den Betrieb einer Natur- und Jagdschule und die Durchführung des Jagdbetriebs auf gepachteten Flächen.

Einer der Knotenpunkte der Firmenverflechtungen in diesem Zusammenhang ist auch das Schloss Lanke, das von den Firmen Schloss Lanke GmbH & Co. KG und 3R Verwaltungsgesellschaft mbH, Wandlitz verwertet wird, beide mit hohen Bilanzsummen. In beiden haben auch Jacobi und Schönburg-Hartenstein ihre Finger im Spiel. Alexander Prinz von Schönburg-Hartenstein war vor einigen Jahren in die Schlagzeilen geraten.

Im Jahr 2000 hatte dieser das Schloss Lichtenstein in Sachsen gekauft, um es wieder wie einst im 13. Jahrhundert zum Familienbesitz umbauen zu lassen und für kulturelle Nutzungen zu öffnen. Doch die Schulden führten im Jahr 2014 zur Versteigerung des Anwesens. Schönburg-Hartensteins Widerspruch gegen eine Räumungsklage des neuen Eigentümers Mario Schreckenbach blieb erfolglos.

 

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