Panorama / Ausflugsziele

11.01.2018

Lost Place im Winterwunderland


Ein Ausflug zur ehemaligen Johanniter-Heilstätte in Sorge

von Christian Dolle

Als Tourismusregion fängt der Harz in den letzten Jahren an, sein biederes Image vergangener Jahrzehnte abzuschütteln. Neue Attraktionen entstehen und locken neue Gäste. Doch daneben gibt es auch die eher verborgenen Ziele, jene Orte, die fast in Vergessenheit geraten sind, dafür heute aber für einige ganz besonders attraktiv sind. Manchmal kann es sich eben auch lohnen, auf den Spuren der Vergangenheit zu wandeln.

Der Weg windet sich kilometerlang durch den Wald, rechts und links nur Bäume und jede Menge Schnee. Die ehemalige Johanniter Heilstätte bei Sorge liegt ziemlich abgeschieden. Das tat sie auch schon als dort noch an Tuberkulose erkrankte Frauen behandelt wurden und erst recht als das große Haupt- und die Nebengebäude zu DDR-Zeiten zu einem Erholungsheim der NVA wurden.

Seit der Wende stehen die Gebäude leer, sind dem Verfall preisgegeben, ein Lost Place. Die sind in den letzten Jahren bei Fotografen und sogenannten Urban Explorern immer beliebter geworden. Immer mehr Menschen tauschen sich über solche verlassenen Orte aus und unternehmen Touren dorthin, um den Verfall zu dokumentieren und um zu sehen, was aus einem einst prunkvollen Gebäude wird, wenn die Menschen es aufgeben und sich die Natur Stück für Stück alles zurückholt. Allerdings ist die urbane Erforschung der Lost Places rechtlich nicht ohne weiteres möglich.

Zeichen der Zeit

Jedes Eindringen in ein Gebäude ohne die erforderliche Genehmigung stellt strenggenommen einen Hausfriedensbruch dar, so die Tat denn zur Anzeige gebracht wird. Bei der Heilstätte bei Sorge liegt der Fall etwas anders. Hier hat nämlich Jens Ertel die Zeichen der Zeit erkannt und empfängt interessierte Explorers, die sich zuvor bei ihm anmelden, unten am Tor des Geländes und bietet ihnen sogar eine Führung an, bevor sie sich dann nach Lust und Laune fotografisch austoben können.
Dabei informiert er zum einen über die Bereiche, die einsturzgefährdet sind und somit nicht betreten werden dürfen, zum anderen garantiert er, dass deutlich seltener der Vandalismus zur ärgerlichen Begleiterscheinung wird. Vor allem aber berichtet er fundiert über die Geschichte der Heilstätte und ihrer einzelnen Räume, zu denen er auch Bilder aus vergangenen Zeiten zeigen kann. Im Moment ist der Gang übers Gelände nur mit Schneeschuhen möglich, ansonsten sinkt jeder Besucher knietief ein und kommt ohnehin nicht voran. Die Schneeschuhe stellt Jens natürlich auch zur Verfügung.

Der Trip in die Vergangenheit beginnt beim ehemaligen Gästehaus, das vor der Wende im Niemandsland stand und somit nur den höchsten Tieren der DDR-Spitze vorbehalten war. Armeegeneral Heinz Hoffmann residierte hier, der Minister für nationale Verteidigung, und er lebte mit seinen Gästen in jener Parallelwelt, in der es alle erdenklichen Luxusgüter aus dem Westen gab. „Drüben im Haupthaus gab es einen kleinen Laden, in dem es auch ganzjährig Bananen gab“, erzählt Jens, „gezahlt wurde natürlich in D-Mark.“

Großes Kino

Besagtes Hauptgebäude sieht noch immer eindrucksvoll aus, der einstige Glanz lässt sich erahnen. Seit 1902 wurde es als Tuberkulose-Heilstätte für Frauen genutzt und reiht sich damit in die vielen sehenswerten Sanatorien im Harz ein, die bei Urban Explorers besonders beliebt sind. Inzwischen dringt durch die Fenster der einstigen Liegehallen neben der Sonne allerdings auch der Schnee ein, Wände und Böden sind längst rissig geworden und an manchen Stellen sind die Decken längst eingestürzt.
Dennoch erzählen ehemalige Behandlungs- und Aufenthaltsräume von der ruhmvollen Geschichte des Hauses. „Diese Röntgenräume wurden hier genutzt, lange bevor sie anderswo zum Standard wurden“, erzählt Jens an einer Stelle und zeigt dann den einstigen Kinosaal, der als Kapelle gebaut wurde und dann der Unterhaltung hoher Parteifunktionäre diente. All das ist eine spannende Reise in die Vergangenheit und ein Anblick, der sehr deutlich macht, wie vergänglich doch alles auf dieser Welt ist.
Wahrscheinlich macht gerade das den Reiz für all jene aus, die der Faszination von Lost Places erliegen. Diese authentisch-historische Atmosphäre, der sichtbare Verfall menschlicher Errungenschaften, wenn sie nicht mehr genutzt werden und vielleicht auch, dass es noch Orte gibt, auf die die moderne Welt wenig Zugriff hat.

Seit einigen Jahren sorgt Jens Ertel hier dafür, dass dieser Faszination nachgegangen werden kann. Er wird von interessierten Fotografen kontaktiert, aber auch von Gruppen, die die Heilstätte erkunden wollen. Eigentlich betreibt er nebenan ein Schlittenhund-Erlebniscamp, bietet Schlittenhundefahrten an und auf dem Gelände der Heilstätte Training für Hundestaffeln, für die Feuerwehr und andere. Im Grunde ein gutes Beispiel dafür, wie solche Lost Places auch ohne großen finanziellen Aufwand genutzt werden können, um nicht zu schnell zu verfallen und dennoch ihren morbiden Charme zu behalten.







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