Politik

14.11.2017

Am Wendepunkt der Geschichte


Zeitzeugengespräch zur Nacht der Grenzöffnung der DDR

von Christian Dolle

„An dem Tag herrschte eine angespannte Atmosphäre, aber eigentlich war es ziemlich ruhig“, erinnert sich Wolfgang Kaps, der am 9. November 1989 als Kommandant der Grenztruppen der DDR am Grenzübergang Worbis seinen Dienst tat. Kaps war einer der Gäste, die das Grenzlandmuseum Bad Sachsa angesichts seines 25-jährigen Bestehens zu einem besonderen Zeitzeugengespräch eingeladen hatte.

Neben Kaps war auch sein damaliger westdeutscher Kollege Ernst Schepanske, damals auf BRD-Seite in Duderstadt stationiert, zu Gast, ebenso Bernd Beuermann, der zu jener Zeit für das Göttinger Tageblatt arbeitete, sowie der heutige Bürgermeister Bad Sachsas, Dr. Axel Hartmann, 1989 noch im Bundeskanzleramt tätig. In einer von Uwe Oberdiek vom Grenzlandmuseum moderierten Podiumsdiskussion erinnerten sie sich gemeinsam an die Zeit der deutsch-deutschen Teilung, an die aufkommenden Unruhen in der DDR und an jene schicksalhafte Pressekonferenz Günter Schabowskis zurück, in der dieser die Reisefreiheit aller DDR-Bürger für „sofort... unverzüglich“ erklärte.

Zunächst erinnerte Oberdiek daran, dass der Sozialismus den Kapitalismus überholen sollte, an die scheiternde Planwirtschaft der DDR, die nur durch die Unterstützung der Sowjetunion weiter existieren konnte, an den immer größeren Unmut in der Bevölkerung auch in anderen Ländern des Warschauer Pakts. Dr. Axel Hartmann erlebte in seiner Zeit in der deutschen Botschaft in Budapest viele Fluchten aus der DDR mit, bei denen die Menschen dann von der BRD freigekauft wurden. Gorbatschow sprach 1987 vom „gemeinsamen Haus Europa“ und leitete damit ein neues Denken ein, das insbesondere in der Bevölkerung der DDR verfing.

„Das konnte nicht mehr lange gutgehen“

Der Journalist Beuermann hatte immer mehr mit „Rübergemachten“ zu tun und verfolgte die Entwicklungen erst jetzt intensiver, erzählte er. „Ich bin aufgewachsen mit der Grenze und hatte kaum Beziehungen zur DDR“, berichtete er. Das sollte sich innerhalb kürzester Zeit ändern. Weil die Grenzkontrollen zu Deutschlands westlichen Nachbarn „auf fast Null gesetzt“ waren, wurde Schepanske nach Duderstadt versetzt, wo er die Veränderungen durchaus mitbekam.

„Wir waren der Meinung, das konnte nicht mehr lange gutgehen“, sagte er. Für Kaps und seine Kollegen auf Seite der DDR wurde all das mehr und mehr zur Zerreißprobe. Während Ungarn das Loch im Eisernen Vorhang darstellte und viele Bürger diesen Weg aus dem System nutzen, hatte er immerhin eine Grenze zu schützen – nach außen und nach innen. „Die Belastungen kann sich niemand vorstellen, wir waren kräftemäßig am Ende“, sagte er.

Die Veränderungen waren nicht mehr aufzuhalten. „Es ist ein einmaliges Beispiel dafür, dass das Volk der Souverän ist“, sagte Schepanske aus heutiger Sicht. Zwar hätte man sich auf westdeutscher Seite darauf vorbereitet, dass die Grenzen in Europa eines Tages verschwinden, doch was in diesen Wochen und Monaten passierte, bezeichnete er als Wunder. In jener Nacht des 9. Novembers spürte auch Beuermann, dass etwas brodelte, fuhr mit der Kamera raus und wurde schließlich einer der ersten, die die Grenzöffnung dokumentierten. Währenddessen arbeitete Dr. Hartmann in Bonn, wo man natürlich bestens über alle Schritte der SED-Führung und überhaupt politische Entwicklungen informiert war. Doch er gab zu: „Aber wir hatten keine Ahnung, was sich in der Bevölkerung abspielt.“

„Was ich vorhatte war eigentlich Hochverrat“

Das wiederum zeigte sich zunächst in jener fast schon legendären Pressekonferenz des Sekretärs für Informationswesen der DDR, Günter Schabowski, bei der er durch die Verkündung einer Presseerklärung für den Fall der Mauer und der Grenze sorgte. Ein paar Zeilen reichten aus, damit wahre Menschenmassen in ihre Trabis stiegen und gen Westen fuhren. Dort allerdings standen sie erst einmal den mehr oder weniger hilf- und ahnungslosen Grenzern gegenüber.

An den Grenzübergängen seien neben den Grenzbeamten auch Leute von der Stasi und vom Zoll tätig gewesen, denen er als Kommandant keine Befehle erteilen durfte, berichtete Kaps. Als nun die Autoschlangen auf sein zu bewachendes Tor zurollten, war er dafür, dieses zu öffnen, was die Leute von Stasi und Zoll ganz anders sahen. „Ich sage mal, es hat ordentlich gefunkt zwischen uns“, erzählte er. Mehrfach bemühte er sich, seine Vorgesetzten zu erreichen, von denen allerdings niemand ans Telefon ging. Für ihn als Grenzer die vielleicht schwierigste Situation seines Berufslebens.

„Ich ging dann raus, sprach mit den Leuten und bat um Geduld“, erzählte er, „aber ich versprach ihnen, das Tor zu öffnen.“ Abermals versuchte er, seine Vorgesetzten zu kontaktieren um einen Befehl einzuholen. „Was ich vorhatte war eigentlich Hochverrat“, erläuterte er seine Situation. Dann jedoch befahl er die Öffnung und sorgte damit für jene historischen Bilder, die bis heute die friedliche Demonstration gegen ein politisches System und das Zusammenwachsen eines geteilten Landes symbolisieren.


Uwe Oberdiek interviewte Bernd Beuermann, Wolfgang Kaps, Dr. Axel Hartmann und Ernst Schepanske

Schepanske erinnerte sich an die Veränderungen an der Grenze auf westdeutscher Seite

Kaps gab in Worbis schließlich den Befehl, die Tore zu öffnen

Beuermann gelangen einige der ersten Fotos nach der Grenzöffnung

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