03.10.2026
Die Wende

Eine Gruselgeschichte aus dem Harz zum Tag der Deutschen Einheit
von Christian Dolle
Der Harz. Für Marina waren das dichte Nadelwälder, zerklüftete Felsen und unheimliche Sagen. Vor allem war es eine Kindheitserinnerung, ein Familienausflug, der inzwischen fast vierzig Jahre zurücklag. Ihre Mutter und ihr Vater waren damals ganz begeistert von der Idee gewesen, die Ferien dort zu verbringen, wo Deutschland gerade wieder zusammengewachsen war.
Für Marina hatten der Mauerfall und die spätere Wiedervereinigung damals noch keine Bedeutung gehabt, sie war schlicht zu klein, um zu begreifen, wie sehr sich die Welt in diesen Jahren veränderte. Trotzdem fand sie den Harz spannend, weil sie die Sagen liebte, die ihre Eltern ihr darüber erzählten. Ihr Bruder Jan hingegen war von Anfang an nur genervt und motzte rum. Es war die letzte Erinnerung, die sie an ihn hatte.
All das fiel Marina jetzt wieder ein, als sie ihren altersschwachen Honda durch die engen Kurven lenkte. Die dichten Nadelwälder waren dank der Trockenheit der letzten Jahre dem Borkenkäfer zum Opfer gefallen. Das raubte der mystischen Atmosphäre ihrer Erinnerungen ein wenig die Grundlage.
Sie lenkte ihr Auto auf dem Parkplatz des Hotels, in dem morgen die Tagung stattfinden würde. Zuerst hatte sie noch geschwankt, ob sie überhaupt herfahren sollte, nicht nur der Entfernung wegen, sondern auch, weil sie nicht wusste, ob sie die Erinnerungen an damals wieder heraufbeschwören wollte. Dann aber hatte sie sich entschieden, sogar einen Tag früher anzureisen, um noch Wandern zu gehen.
Irgendwann, so hatte sie sich gesagt, musste sie sich der Vergangenheit stellen. Nur so konnte sie die Gedanken loswerden, die sie in manchen stillen Momenten immer noch heimsuchten. Gedanken an ihren Bruder und den Tag seines Verschwindens. Die Tagung war vielleicht etwas wie ein Wink des Schicksals, auch wenn sie allem Übersinnlichen normalerweise keine Bedeutung zumaß.
Nachdem sie eingecheckt und ihren Koffer in dem etwas in die Jahre gekommenen, aber gepflegten Zimmer ausgeräumt hatte, zog sie sich um und machte sich auch gleich auf den Weg. Die Wanderschuhe hatte sie sich sogar extra neu gekauft. Auch eine App hatte sie sich heruntergeladen, auf der sie die Route zu rekonstruieren versucht hatte, die sie damals genommen hatten.
Damals. An jenem etwas diesigen Tag, den ihre Eltern sich so gewünscht hatten. Den sie von Anfang an genossen hatte. Jener Tag, an dem Jan seiner schlechten Laune immer wieder Luft gemacht hatte. Auch von Anfang an.
Wenn sie auch noch zu jung war, um alles zu begreifen, so hatte sie dennoch mitbekommen, dass es sowieso immer wieder Ärger wegen Jan gab. Wegen der Schule, weil er ständig genau das Gegenteil von dem machte, was ihre Eltern von ihm verlangten. Ständig gab es Streit. Einmal war er sogar abends von der Polizei nach Hause gebracht worden.
Umso mehr versuchte Marina, Mama und Papa alles recht zu machen. Sie strengte sich an, den Ärger auszugleichen, den sie wegen Jan hatten. Damals war ihr das nicht einmal bewusst gewesen, im Rückblick aber erklärte sie es sich so. Sie wusste inzwischen auch, dass es falsch gewesen war. Von ihr und vor allem von ihren Eltern. Die hatten ihr den Bruder manchmal sogar als schlechtes Beispiel vorgehalten, damit sie bloß braver war als er.
Umso mehr hatte sie gehofft, dass im gemeinsamen Urlaub alles schön werden würde. So wie früher eben, als er noch nicht so cool und so ein Idiot gewesen war. Doch Jan gab sich keine Mühe, einzulenken. Er habe sich einen coolen Urlaub gewünscht, irgendwo, wo es Sonne und Strand und etwas zu erleben gab. Die Geschichten ihrer Mutter über zu Walpurgis auf dem Brocken tanzende Hexen oder die ihres Vaters über eine Königstochter, die auf der Flucht vor einem Riesen mit ihrem Pferd über eine Schlucht gesprungen war, hatten ihn nur mit den Augen rollen lassen. Marina hatten sie völlig fasziniert.
Jetzt machte sie sich auf den Weg, von dem sie meinte, dass sie ihn auch damals genommen hatten. Sie wusste noch, dass damals unzählige Wanderer unterwegs gewesen waren. Kein Wunder, denn die Grenze war nach all den Jahren offen und die Menschen konnten wieder von Ost nach West. Inzwischen war es zum Glück wieder selbstverständlich und nichts hier erinnerte mehr daran, dass der Harz einst bewachtes Grenzgebiet gewesen war. Allerdings kamen ihr jetzt auch nur noch ab und zu Wanderer entgegen, was sie aber keinesfalls störte. Schließlich war sie hier, um ungestört in die Vergangenheit eintauchen zu können.
Nachdem Jan damals wie vom Erdboden verschwunden war, hatte es eine große Suchaktion gegeben. Noch nie hatte Marina so viele Polizisten auf einmal gesehen. Sie suchten die Höhle ab, an der sie kurz zuvor waren und den gesamten Wald in der Umgebung. Mehrere Tage wurde nach dem verschwundenen Jugendlichen gesucht, die Zeitungen und sogar das Fernsehen berichteten darüber. Jan wurde nie gefunden.
Marina schlug den Weg zu der Höhle ein, zu der sie auch damals gewandert waren. Sie ging zügig und ohne Pause. Damals hatten sie viele Pausen gemacht, erinnerte sie sich. Zum Teil, wie sie es liebte, immer wieder ihre Trinkflasche und die Butterkekse aus ihrem kleinen Rucksack aus und wieder einzupacken, zum Teil auch, weil sie einfach nicht mit den großen Schritten von Mama und Papa und auch von Jan mithalten konnte.
Der hatte sich bei jedem Halt demonstrativ irgendwo hingesetzt und auf seinem Gameboy gespielt. Vor allem ihren Vater hatte das fast zur Weißglut getrieben. Dieses elektronische Spielzeug verderbe die Jugend, hatte er gewettert, und außerdem würde es sich eh nicht von Bestand sein. Wenn die Welt durch die Wende zur Vernunft kam, würde sich das sowieso nicht durchsetzen, weil die Menschen wieder erkennen würden, was wirklich wichtig war, hatte er behauptet. Marina hatte nicht verstanden, was er damit meinte und erst recht nicht, wie falsch er doch lag.
Inzwischen programmierte sie Assets für Videospiele und KI-generierte Filme und konnte sich ein Leben ohne Digitalisierung nicht mehr vorstellen. Dass die Welt zur Vernunft gekommen war, oder auch, dass die Mehrheit der Menschen erkannte, was wirklich wichtig war, bezweifelte sie allerdings. Vielleicht lag es auch daran, dass das Leben letztlich eine einzige Wende war und diese sich im Gegensatz zu damals heute so schnell und in so vielen Bereichen bemerkbar machte, dass einige schlicht nicht mehr schritthalten konnten.
Sie erinnerte sich, wie sie sich damals anstrengen musste, um mit ihren Eltern und Jan schrittzuhalten. Da vor allem Papa und ihr Bruder immer offener stritten und Mama erfolglos zu schlichten versuchte, achteten sie kaum noch auf Marina, die hinter ihnen herlief. Sie spürte, was los war, ohne es zu verstehen. Sie wusste, dass Jan keine Lust auf diese Wanderung hatte und daher versuchte, auch ihren Eltern den Spaß zu verderben. Warum er sich nicht für den Harz und seine Sagen begeistern konnte, kapierte sie nicht.
Nachdem die Suche nach ihrem Bruder über Tage und Wochen erfolglos geblieben war, stellte Marina fest, dass auch Mama und Papa immer häufiger stritten. Anfangs noch verhalten, weil sie glaubten, es vor ihrer Tochter verbergen zu können. Bald dann aber so offen, dass Marina wie schon auf der Wanderung das Gefühl hatte, von ihnen gar nicht mehr gesehen zu werden, weil sie nur noch mit sich selbst beschäftigt waren. Mit dem Verschwunden ihres Bruders gab es auch eine Wende im Leben ihrer Familie und in ihrem.
Mittlerweile war es mehr als dreißig Jahre her, dass ihre Eltern sich getrennt hatten. Und auch fast so lange, dass Marina den Kontakt zu ihnen auf ein Minimum heruntergefahren hatte. Sie hatte gelernt, sich auf sich selbst zu konzentrieren, es blieb bei gelegentlichen Anrufen bei beiden und vielleicht ein kurzer Besuch zu Geburtstagen. Selbst dann war das Verschwinden von Jan früher oder später immer wieder Thema. Da sie das nicht ertrug, verabschiedete sie sich meist schnell, wenn es wieder einmal nur um ihren Bruder ging.
Nach einer Weile erreichte Marina den Eingang der Höhle, die auch damals ihr Ziel gewesen war. Wie ein tiefer dunkler Schlund schien er sie anzustarren, düster, bedrohlich, voller Geheimnisse. Sie zögerte. Eine innere Stimme mahnte sie, doch lieber umzukehren. Andererseits war sie hergekommen, um endlich Antworten zu erhalten.
Sie wusste nicht, wie lange sie unschlüssig vor dem Höhleneingang stand. Zum Glück waren keine anderen Wanderer da, die sie hätten sehen können. Auch damals nicht, fiel ihr wieder ein, jedenfalls nach einer Weile nicht mehr. Da war dann Jan auf einmal in die Höhle gegangen. Das tat sie jetzt auch.
Das Dunkel umfing sie, kaum, dass sie einige Schritte hineingegangen war. Es war totenstill, kalt, feucht und roch eigenartig. Gerade dieser Geruch brachte plötzlich die Bilder zurück. Jene Bilder, die sie über Jahrzehnte aus ihrem Gedächtnis verbannt haben musste.
Ihre Eltern hatten schließlich miteinander gestritten. Über den Urlaub, über Erziehung und alles mögliche. Daraufhin hatte sich Jan entfernt und war in die Höhle gegangen. Marina nach kurzer Zeit hinter ihm her. Er hatte sich umgesehen, offenbar bewusst erst, als nicht zu viele Touristen hier waren. Sein Blick verriet ihr, dass er auch sie eigentlich nicht in seiner Nähe haben wollte.
Als er tiefer in die Höhle ging, war sie ihm trotzdem gefolgt. All das war mit einem Mal wieder da. Sie sah die Bilder von damals jetzt ganz klar vor sich. Zuerst ignorierte er sie. Da sie ihm weiter folgte, blieb er schließlich stehen und meinte, er könne ihr auch noch eine Sage erzählen. In ihrer Naivität war Marina zunächst ganz begeistert. Doch Jan erzählte nicht so wie Mama und Papa, sondern viel gruseliger. Er wollte ihr Angst machen.
Ein Zwergenkönig lebe in den Höhlen, raunte er mit verstellter Stimme. Einer, der manche Menschen mit Gold und Silber belohne, andere aber auf Nimmerwiedersehen in die Tiefe zog. Vor allem kleine Mädchen hole er sich oft als Opfer. Auf einmal war alles wieder da. Jedes Detail. Marina glaubte fast, Jan vor sich zu sehen, wie er da an diesem Loch im Dunkel der Höhle stand und behauptete, der Zwergenkönig hause darin und warte nur auf sie.
Damals hatte sie Angst, wollte schnell wieder nach draußen. Mehr aber noch war sie wütend auf Jan, dass er sich alle Mühe gab, ihnen diesen Tag zu versauen. Bitte, Zwergenkönig, so hatte sie stumm gebeten, wenn du wirklich in dieser Höhle lebst, dann hol nicht mich, sondern meinen Bruder, damit er uns nicht mehr den Urlaub verderben kann.
Auch an diesen innigen Wunsch erinnerte sie sich wieder. Den Wunsch, ihren Bruder los zu sein, damit mit ihren Eltern wieder alles schön sein konnte. Und dann sah sie geradezu vor sich, wie Jan damals an diesem Loch gestanden und sie angegrinst hatte. Wie sie mit einigen schnellen Schritten auf ihn zugelaufen und ihn geschubst hatte. Seinen langen Schrei hatte sie gehört, sich eingeredet, der Zwergenkönig habe ihn geholt. Dann war sie schnell wieder nach draußen gelaufen und hatte so getan als sei nichts gewesen.
Die Erkenntnis ließ sie zittern und trieb ihr Tränen in die Augen. Auch jetzt rannte sie wieder nach draußen, sog Luft in ihre Lungen, da ihr Hals sich wie zugeschnürt anfühlte. Sie hatte Jan gestoßen! Es war ihre Schuld, dass er verschwunden war! Und auch alles, was das mit ihren Eltern gemacht hatte.
Wie hatte sie all das verdrängen können? Doch gerade Kinder konnte schreckliche Erlebnisse ausblenden, hieß es immer. Eine ganze Weile stand Marina an einen Baum gelehnt zitternd und schluchzend da. Dann gab sie sich einen Ruck und ging erneut in die Höhle. Wenigstens um Verzeihung wollte sie bitten, auch wenn es nur eine Geste ohne Wirkung war.
Sie trat an den Rand des Loches und leuchtete mit der Taschenlampe ihres Smartphone in die Tiefe. Ja, es ging dort etliche Meter nach unten, erkannte sie. Allerdings erreichte der Schein der Taschenlampe den Grund. Sie fragte sich, warum man Jans Leiche nie gefunden hatte. Das erschien ihr unmöglich. Oder hatte ihn vielleicht doch der Zwergenkönig geholt?
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