19.09.2026
„Die Horrorvorstellung jeder Mutter“
Zweiter Tag des Mordsharz-Festivals in Goslar
von Christian Dolle
Mit Andrea Mara war bei Mordsharz in Goslar die erste irische Autorin in der Geschichte des Festivals im Harz. Sie las aus „Alles ihre Schuld“, eine Geschichte, in der eine Mutter ihren Sohn von einem Playdate abholen will und feststellen muss, dass sie, ihren Sohn oder die befreundete Familie an der angegebenen Adresse niemand kennt.
Tatsächlich beruhe die Idee auf einem wahren Erlebnis, erzählte sie, als sie ihr Kind nämlich einmal von einem Playdate abholen wollte, stand sie vor einem leeren Haus, spähte durch die Fenster und sah keinerlei Möbel. In der Realität stellte sich schnell heraus, dass sie schlicht die alte Adresse der Familie hatte, die inzwischen umgezogen war. In ihrem Buch nimmt natürlich alles andere Wendungen.
„Es ist die Horrorvorstellung jeder Mutter“, sagte Janin Stenzel als ihre deutsche Stimme im Interview mit Christoph Lampert. Sie habe die Angst der Hauptfigur natürlich nachvollziehen können und das Buch daher von Anfang an sehr gemocht. Im Großen Heiligen Kreuz machte sie den vielen Zuhörenden große Lust auf den Thriller.
Das machte zuvor auch Anne Stern mit der Lesung aus ihrem 1946 spielenden Krimi „Die weiße Nacht“. Bei ist ist selbstverständlich nichts selbst erlebt, dafür aber intensiv recherchiert, weil sie sich fragte, wie die Menschen damals nach dem Zusammenbruch der Diktatur und ihrer gesamten Lebenswelt in Berlin lebten.
Bekannt wurde Anne Stern durch ihre Reihe um Fräulein Glück, die in den 1920er Jahren spielt, so dass sie nun zeitlich einen Schritt weiter gehen wollte. Dazu musste es düsterer, härter und ein Krimi werden, sagte sie sich und las viel Raymond Chandler, um sich in Detektivfiguren der Nachkriegszeit einzufühlen, dann aber alles doch auf ihre eigene Weise zu schreiben.
Viel Recherche war auch bei Oliver Bottinis „Die Summe aller Dinge“ nötig, da es in dem Roman um Cum-Ex-Geschäfte geht und er diesen Skandal literarisch aufarbeiten wollte. Allerdings, so versicherte er, könne man das Buch auch einfach als Geschichte einer Frau lesen, die nach dem Tod ihres Mannes herausfinden will, was eigentlich geschehen ist und wie es dazu kommen konnte.
Er verdeutlichte das mit den ersten Passagen seines Romans, in der drei Freunde, die zuvor sehr viel Geld machten, ums Leben kommen. Zwei von ihnen ganz sicher. Beim dritten kommen der Protagonistin Zweifel, als sie auf Capri den Mord genauer untersucht und sich somit auf ein gefährliches Spiel einlässt.
Dieser zweite Festivalabend war deutlich ernster als in Wernigerode, ging oft tief in Geschichten hinein, die viel über die Welt, unsere Lebensrealität und letztlich über Menschen aussagen. Es ist nun einmal auch die Aufgabe eines Schriftstellers, so sagte Oliver Bottini im Interview, komplexe oder schwierige Themen zu recherchieren und dann so aufzubereiten, dass sie einer breiten Leserschaft unterhaltsam nahegebracht werden können.





