Kultur

18.09.2026

Hamburg oder Harz – Hauptsache Österreich!


Wolfram Hänel, Ulrike Gerold und Arndt Schulz

Auftakt des Mordsharz-Festivals in Wernigerode mit Verleihung des „Harzer Hammer“

von Christian Dolle

Der Krimipreis „Harzer Hammer“ 2026 geht an den Thriller „Seidenstraße“ von Robert Lackner. Der Österreicher hat einen spannenden und vor allem gut recherchierten Politthriller geschrieben, der in Hamburg beginnt, sich aber über das politische Berlin bis nach China zieht und dabei viel über Handelsabkommen und Arbeit von Geheimdiensten erzählt, was näher an der Wirklichkeit ist, als wünschenswert wäre. 

Die Laudatio gab es wie immer von Bestsellerautor Andreas Gruber, der dabei diesmal seinem Wienerischen Humor vollen Raum geben konnte. Er betonte aber auch, dass er durch den „Harzer Hammer“ oder eigentlich schon durch die Shortlist auf Erstlingswerke gestoßen wird, die er sonst vermutlich nie gelesen hätte. Somit sei der Preis für Nachwuchsautoren eine tolle Möglichkeit, um auf dem Buchmarkt ein erstes Ausrufezeichen zu setzen.

Das diesjährige Mordsharz-Festival begann allerdings mit einer Weltpremiere. Dabei geht es im neuen Krimi von Mordsharz-Erfinder Roland Lange gar nicht um die große weite Welt, sondern um den kleinen Harzort Bollenstedt. 

Bollenstedt ist natürlich fiktiv, genau wie seine Bewohner, die der Autor in einigen Kapiteln vorstellte. Dennoch kommen sie vielen bekannt vor – oder zumindest ihre Eigenheiten. Hauptfigur ist der Blutfahrer Freddie (Blutfahrer nennt man diejenigen, die für den Transport von Blutkonserven zuständig sind), der auch, in Ermangelung eines richtigen Arztes, der Mediziner des Ortes ist. Nun ja, er und natürlich seine Mama, die aus allerlei Kräutern der Umgebung für jedes erdenkliche Leiden das passende Mittel zusammenmixt. 

Eines Morgens wird die Dorfidylle gestört, denn Mama ist verschwunden und Freddie findet nur noch ihren Hund Møpsen gefesselt im Schlafzimmer vor. Eine Entführung! Da müssen Freddie, einige Freunde und auch der Dorfsheriff tätig werden. 

Anschließend gab es einen weiteren Krimi, der im Hamburger Hafen angesiedelt ist. Ulrike Gerold und Wolfram Hänel lasen aus „Kokainküste“ und wurden dabei von Rock-Urgestein Arndt Schulz musikalisch untermalt. 

Das Autorenduo erzählte außerdem, wie es bei großen Verlagen eigentlich abläuft. So haben sie auf Titel und Klappentexte ihrer Bücher wenig Einfluss, außerdem sei ihnen gesagt worden, dass sich Pressearbeit heute nicht mehr lohne und Marketing für ein neues Buch werde erst gemacht, wenn es bestimmte Verkaufszahlen erreicht. Davon lassen sich die beiden Hannoveraner aber nicht abschrecken und nehmen gerne Buchprojekte in Angriff, die in Hamburg oder auch in den Alpen spielen. Vielleicht ja auch irgendwann mal im Harz, wer weiß.

Den Schlusspunkt des ersten Festival-Abends setzten Ralf Kramp und Peter Godazgar mit einer Überraschung für das Publikum und auch für das Mordsharz-Team. Sie hatten nämlich nicht wie gewohnt ein Buch mitgebracht, sondern mehrere kürzere Texte vom Gedicht bis hin zum Märchen und vor allem einige dialogische Szenen, die sie mit großem komödiantischen Können auf die Bühne brachten. 

Die Gebrüder Grimm haben bei Ralf Kramp geklaut, wurde sehr bald deutlich, vielleicht auch Loriot und Heinz Erhardt – zum Glück ist in allen drei Fällen ein Rechtsstreit relativ unwahrscheinlich – doch was sie vortrugen war nie eine Kopie, sondern immer etwas ganz Eigenes mit ganz eigenem Humor, mit eigenem Blick auf die Welt das Leben und das Krimigenre. 

Warum ihre Zuhörer so begeistert waren, lässt sich nur schwer mit Worten beschreiben. Wenn ein Mann bei der Telefonseelsorge anruft, erzählt, er sei spielsüchtig, daher in finanzieller Not, habe deshalb einen Banküberfall begangen, dann ist das für Krimi noch relativ typisch. Wenn sich im Dialog aber herausstellt, dass er gerade noch in eben dieser Bank ist und der Telefonseelsorger seine Geiseln dann bittet, doch ein wenig Verständnis für die ausweglose Lage des Mannes aufzubringen, dann kann eine solche Szene von zwei großartigen Entertainern vorgetragen schon für ein deutliches Ziehen im Zwerchfell sorgen. 

Die folgenden Bilder können Sie vergrößern, wenn Sie ein Eseltreiber-Abo haben:


Den 'Harzer Hammer' 2026 erhielt Robert Lackner (links) für seinen Thriller „Seidenstraße“, hier mit Laudator Andreas Gruber


Ralf Kramp und Peter Godazgar

Roland Lange


 

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