Kultur

17.09.2026

„Raubbezogene Propagandadichtung“


Christian von Aster las in der „Black Hole Sun Bar“ in Bad Sachsa

von Christian Dolle

„Die Realität braucht mehr Phantastik“, sagt der Autor Christian von Aster. Er muss es wissen, denn er ist einer der bekanntesten Underground- oder Szeneautoren, die es in der deutschsprachigen Literaturszene gibt. In Bad Sachsa präsentierte er am vergangenen Wochenende eine Geschichte seiner Boarboys.

Die Boarboys sind irische Kobolde, Leprechauns, die genau wie der in ihrer Gegend legendäre Wegelagerer The Boar fette Beute machen wollen. The Boar trägt eine Wildschweinmaske und raubt Händler aus, die in der Gegend unterwegs sind. Die Boarboys machen sich auch auf einen Raubzug, erbeuten allerdings nur Whiskey, der ihnen jedoch vollkommen ausreicht und sie den Abend über glücklich macht. 

Beim nächsten Überfall machen sie sich einen Plan, der allerdings nicht beinhaltet, dass sie von einer Zeugin auf frischer Tat beobachtet werden. Diese wiederum entpuppt sich als Bardin und am abendlichen Lagerfeuer, „an dem sich die Wahrheit schon abseits schlafen gelegt hatte“, erzählen sie ihr schließlich ausufernd von ihren Gräueltaten, die die Bardin wiederum zu Legenden ausschmückt, so dass die „raubbezogene Propagandadichtung“ die Boarboys schließlich überall bekannt, berüchtigt und gefürchtet werden lässt. 

Christian von Aster las an diesem Abend die komplette Geschichte, die allein seine Zuhörer in der „Black Hole Sun Bar“ im Keller des Versicherungsbüros von Lutz Hasselkus fesselte. Dazu aber erzählte der Autor von einem Fan, der aufgrund des ersten Buches einen der Boarboys cosplayen wollte. „Ich sagte ihm: bring mir die anderen und wir machen ein großes Fotoshooting“, berichtete Christian von Aster. So passierte es und die Cosplay-Fotos untermalten seine Lesung eindrucksvoll. 

Besonders war auch der gesamte Rahmen der Veranstaltung. Die „Black Hole Sun Bar“ ist für Lutz Hasselkus, wie er sagt, ein Lager seiner Erinnerungen. Etwas sehr Persönliches eben. Dementsprechend blieb es auch nicht bei einer Lesung, es wurde vielmehr ein von ihm kuratierter langer Kulturabend daraus. Musikalisch wurde alles von den beiden Musikern von 2Bfolkish! umrahmt. Jens Sachse und Alexander Philipp Hahne haben sich der irischen Musik verschrieben, die zur Hauptgeschichte ebenso gut passte wie eingangs ein Gedicht und eine Kurzgeschichte von Sascha Storz. Und nach dem Hauptteil gab es noch eine mehr oder weniger spontane Lesung von  Alexander Philipp Hahne aus seinem unveröffentlichten Manuskript sowie eine Feuershow, bevor die beiden Musiker danach noch einige Stücke spielten. 

Fast ein bisschen viel für diejenigen, die für den Meister der phantastischen Welten und der vielsagenden Sprache, die diese Welten mit unserer verbindet, gekommen waren. Durchhaltevermögen war angesagt, doch Kunst darf nun einmal eigene Wege gehen und auch herausfordern. Auch seine Boarboys-Geschichte sei anders angelegt gewesen, sagt Christian von Aster, der Twist, den sie am Ende nimmt, habe sich des nachts beim Schreiben eben so ergeben. 

Das ist es vielleicht, was Phantastik mit uns macht, sie löst uns für eine Weile aus der Realität und nimmt uns mit. „Phantastik ist die Möglichkeit für Eskapismus“, sagt Christian von Aster. Allerdings räumt er auch ein: „Ich habe immer weniger Freude daran, weil Vieles sehr flach und reproduktiv ist. Es gibt sehr viele ähnliche Sachen.“ Das ist nicht seins, er lässt sie wie gesagt von seinen Geschichten treiben. 

Das bedeutet auch, dass er selten darüber nachdenkt, was sich am Ende möglicherweise auf dem Buchmarkt gut verkauft. Deshalb ist er ja bis heute und nach zahlreichen Veröffentlichungen immer noch jemand, der dem Underground zugerechnet werden kann. Wie gewollt oder doch unvermeidlich das ist, deutet er stets nur an, fest steht aber, dass er genau das schreibt, was in ihm ist, nicht das, was andere lesen wollen. 

„Ich befasse mich in dem, was ich schreibe, immer mehr mit Realität“, stellt er an sich selbst fest. „weil ich im Alter einfach merke, dass Schreiben sehr viel mit Verantwortung zu tun hat.“ Wohl gerade dadurch hat er seine treuen Fans und wird immer wieder zu Veranstaltungen eingeladen, bei denen tatsächlich die Kultur selbst im Mittelpunkt steht. 

Wenn die Realität mehr Phantastik braucht, dann braucht sie in jedem Fall auch mehr Idealismus in Kunst und Kultur. Umso schöner also, dass es gerade hier im Harz auch immer wieder Räume und ein Publikum dafür gibt. 









 

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