Regionales / Harz
05.09.2026
20 Jahre Selketal-Stieg: Auf den Spuren von Natur, Geschichte und Geschichten
Ein besonderer Höhepunkt, der Luisentempel
...Harzverband e.V.
50 Wandernde, sieben Kilometer Wegstrecke und eine Rückfahrt mit dem Dampfzug: Zum 20-jährigen Bestehen des Selketal-Stiegs wurde am 26. August 2026 bei einer besonderen Jubiläumswanderung Natur- und Kulturgeschichte miteinander verbunden. Der HARZVERBAND e.V. und der Harzklub-Zweigverein Harzgerode e.V. hatten zu einer geführten Tour von Alexisbad nach Mägdesprung eingeladen.
Nach etwas Nieselregen zum Start zeigte sich das Wetter schnell von seiner besseren Seite. Bei angenehmen 21 Grad machte sich die Gruppe gemeinsam mit Christian Resow und Merle Heckhoff vom Naturpark Harz sowie Wanderführer Horst Schöne auf den Weg. Der Vorsitzende des Harzklub-Zweigvereins Harzgerode und ehemalige Bürgermeister kennt die Region bestens – und hatte an vielen Stationen nicht nur historische Informationen, sondern auch persönliche Erinnerungen und manche Anekdote parat.
Zwischen Verlobungsurne und Luisentempel
Startpunkt war der Bahnhof Alexisbad. Bereits hier wurde deutlich, wie eng die Geschichte des Selketals mit der Eisenbahn verbunden ist. Seit 1888 ist Alexisbad an das Eisenbahnnetz angeschlossen. Für Horst Schöne gehören Bahn und Wanderweg eng zusammen: Mit der Trassierung der Selketalbahn in Richtung Quedlinburg sei gewissermaßen auch der Selketal-Stieg geboren worden.
Zum Auftakt führte der Weg hinauf zur Verlobungsurne auf dem Habichtstein. Das gusseiserne Denkmal erinnert an einen Aufenthalt junger Adeliger im Kurbad Alexisbad im Jahr 1845. Die Wandergruppe erfuhr dabei nicht nur Wissenswertes über das historische Denkmal, sondern auch eine persönliche Geschichte ihres Wanderführers. Aus seiner Zeit bei Kinderferienlagern im Harz wusste Horst Schöne von den besonderen Mutproben an der Verlobungsurne zu berichten. Seine Erzählungen sorgten für die ersten Lacher der Tour.
Weiter ging es durch den Wald zum Birkenhäuschen, einem historischen Aussichtspunkt aus der Blütezeit des Kurbades. Das heutige Häuschen wurde 1906 vom Harzklub-Zweigverein Köthen errichtet und fällt mit seinen unbehandelten Birkenstämmen bis heute ins Auge.
Auch der weitere Weg bot immer wieder Anlass, den Blick auf die jüngere Geschichte zu richten. So erinnerte Schöne daran, dass der Waldweg zwischen Alexisbad und Harzgerode früher insbesondere nachts von jungen Leuten genutzt wurde, die von der Disco nach Hause gingen. Eine geplante Asphaltierung des Weges konnte verhindert werden – stattdessen erhielt er eine geschlemmte Schotterdecke.
Ein besonderer Höhepunkt war der Luisentempel. Das filigrane Bauwerk aus Kunstguss steht heute wieder majestätisch im Wald, doch das war nicht immer selbstverständlich. 1987 riss eine umgestürzte Fichte den Tempel mit sich und hinterließ ein Trümmerfeld. Die aufwendige Restaurierung und Wiederaufstellung stellten die Verantwortlichen vor große Herausforderungen. Sogar ein Abtransport per Hubschrauber wurde in Betracht gezogen. Letztlich fand sich eine andere Lösung, und seit 1993 steht der Luisentempel wieder an seinem ursprünglichen Platz.
Über Felsen, Sagen und alte Wanderwege
Über den Klippenweg führte die Wanderung anschließend vorbei an der Köthener Hütte und der Mägdetrappe weiter nach Mägdesprung. Auch hier trafen Landschaft und Geschichte unmittelbar aufeinander. An der Mägdetrappe erinnerte die Gruppe an die Sage von der Riesentochter, die ihren Geliebten über das Selketal erreichen wollte und dabei einen Fußabdruck im Felsen hinterließ.
In Mägdesprung wechselte der Schwerpunkt schließlich von der Natur- zur Industriegeschichte. Bei einem Rundgang durch das Carlswerk erhielten die Teilnehmenden Einblicke in die Geschichte der traditionsreichen Maschinenfabrik und des Mägdesprunger Kunstgusses. Die im 19. Jahrhundert bedeutende Eisenverarbeitung prägte den Ort nachhaltig und ist bis heute an vielen Stellen sichtbar.
Mit Volldampf zurück nach Alexisbad
Nach einer Stärkung am Bahnhof wartete schließlich noch ein besonderes Jubiläumserlebnis: Die Harzer Schmalspurbahnen hatten eine Freifahrt mit der Selketalbahn gesponsert. Mit dem Dampfzug ging es zurück nach Alexisbad – und damit schloss sich der Kreis einer Wanderung, die auf eindrucksvolle Weise zeigte, was den Selketal-Stieg seit 20 Jahren ausmacht.
Auch der jüngste Teilnehmer war mit dabei: Der einjährige Friedo aus dem Nordharz absolvierte die Strecke auf dem Rücken seiner Eltern und durfte damit den Titel des jüngsten „Wanderkaisers“ für sich beanspruchen. Unterwegs konnten die Teilnehmenden zudem Stempel der Harzer Wandernadel sammeln. Zum Jubiläum gibt es außerdem einen Sonderstempel „20 Jahre Selketal-Stieg“, der weiterhin in der Geschäftsstelle des HARZVERBANDs e.V. in Quedlinburg erhältlich ist.
Der knapp 75 Kilometer lange Selketal-Stieg verbindet seit 20 Jahren die ursprüngliche Landschaft des Harzes mit geschichtsträchtigen Orten. Von Stiege führt er über Güntersberge, Straßberg, Silberhütte, Alexisbad, Mägdesprung, Meisdorf, Ballenstedt, Gernrode und Bad Suderode bis nach Quedlinburg.

