Panorama

10.08.2026

„Hinsehen ist unbequem“


Moderator André Holst beschreibt, wie er den idyllischen Harz tiefer kennenlernte

von Christian Dolle

Der Radiomoderator und Journalist André Holst zog vor einigen Jahren in den Harz, weil er sich nach vielen Showtalks in Bad Lauterberg und vor allem vielen Bekanntschaften in die Region verliebt hatte. In Barbis kaufte er sein „Haus mit Herz“, das er im Laufe der Jahre auch zu einer Anlaufstelle für Freunde und Bekannte ausbaute, die sich kreativ ausleben und austauschen wollten oder auch mal eine Auszeit oder hilfreiche Gespräche brauchten.

Durch diese oft unterstützende und beratende Arbeit konnte André – nicht zuletzt manchmal auch durch seine Popularität, die Aufmerksamkeit erzeugt – etlichen Menschen neue Wege aufzeigen oder sie an jene vermitteln, die sie ein Stück darauf begleiten. Auf der anderen Seite bekam er dadurch tiefe Einblicke in manche Leben und Schicksale hier in der Region. Sein Bild des traumhaft idyllischen Harzes hat dadurch eine weitere Facette bekommen. 

Auf seiner Facebook-Seite hat er kürzlich einen Text veröffentlicht, den innerhalb kürzester Zeit mehrere tausend Menschen gelesen und zum Teil kommentiert haben. André schreibt:

„Der Harz gilt vielen als Inbegriff von Ruhe: Wälder, Fachwerk, überschaubare Orte, in denen man sich kennt und Kinder behütet aufwachsen. Dieses Bild sitzt tief.
Vielleicht gerade deshalb übersieht man leicht, was sich hinter manchen Fassaden abspielt. In den vergangenen Jahren habe ich Dinge erlebt, die nicht zu dieser Idylle passen. Nicht in Großstädten, sondern in kleinen Orten im Südharz. Hinter Haustüren, in Wohnungen, auf kurzen Fahrten durch Dörfer zeigte sich mir eine andere Wirklichkeit: Sucht, psychische Instabilität, Überforderung und eine Normalität, die sich langsam verschiebt.
Ein Freund wollte mit seiner Familie hierherziehen. Ich riet ihm, genauer hinzusehen. Seit Jahren häufen sich Berichte über Drogenkriminalität und überlastete Behörden. Was von außen ruhig wirkt, hat Risse. Durch diese Risse blickt man in Milieus, die sich ungestört verfestigen.
Menschen fallen nicht plötzlich aus der Gesellschaft. Sie rutschen langsam, sichtbar, begleitet von Signalen, die niemand ernst genug nimmt. Aus gelegentlichem Konsum wird Routine, aus Routine Abhängigkeit, aus Abhängigkeit ein Milieu, das sich selbst stabilisiert.
Diese Prozesse laufen nicht im Verborgenen einer „Unterwelt“. Sie passieren mitten im Alltag, in Nachbarschaften, in Familien. Solange kein Blaulicht vorfährt und keine Statistik Alarm schlägt, bleibt vieles unterhalb der Wahrnehmung. Man ahnt etwas und geht weiter.
Dabei zeigen diese Fälle auch strukturelle Schwächen: fehlende Prävention, spät erkannte psychische Erkrankungen, überlastete Suchthilfe, Behörden, die erst reagieren, wenn aus Krisen längst Katastrophen geworden sind. So entstehen Räume, in denen Hilflosigkeit zur Gewohnheit wird.
Besonders bedrückend ist der Gedanke an Kinder, die in solche Wirklichkeiten hineinwachsen. Nicht in offener Verwahrlosung, sondern in Verhältnissen, die nach außen noch funktionieren und gerade deshalb zu lange unbeachtet bleiben. Nähe schützt nicht automatisch. Man kennt sich, und schaut trotzdem nicht hin.
Der Harz ist deshalb kein „kaputtes Land“. Die meisten Orte leben von Zusammenhalt, Engagement und Nachbarschaft. Doch genau dieses positive Selbstbild kann blind machen für Entwicklungen, die nicht ins vertraute Bild passen.
Die eigentliche Gefahr liegt nicht nur in den Substanzen selbst, sondern in der Erzählung, dass all das anderswo stattfinde. Sucht kennt keine Schichten und keine Ortsgrenzen. Sie wandert durch Biografien und Beziehungen. Sie trägt Anzüge, Dienstuniformen und Arbeitsklamotten. Sie sitzt auf Parkbänken im Kurpark und in Vorstandsetagen. Sie schläft unter Brücken und in Designer-Lofts. Sie versteckt sich in Pfandflaschen und in Kristallgläsern. Sie fährt im Einkaufswagen mit und im Dienstwagen vor und gedeiht dort, wo ihre Folgen still akzeptiert werden.
Vielleicht ist das Unheimlichste nicht die Eskalation, sondern die langsame Verschiebung des Normalen. Dass Zustände, die früher alarmiert hätten, irgendwann nur noch als „unerfreulich“ gelten. Dass Hilfe nicht an bösem Willen scheitert, sondern an Müdigkeit und Überforderung.
Die Frage ist deshalb nicht, ob der Südharz ein Sonderfall ist. Sondern wie viele Orte ähnliche Geschichten in sich tragen, ohne dass sie erzählt werden. Wie viele Fassaden beruhigen, obwohl dahinter längst etwas ins Rutschen geraten ist.
Hinsehen ist unbequem. Aber es ist der Anfang von Verantwortung. Solange wir an der Idylle festhalten, wo längst Risse sichtbar sind, überlassen wir das Feld nicht nur der Sucht, sondern auch der Gleichgültigkeit.“

Die Diskussion in den Kommentaren war (erstaunlicherweise) größtenteils konstruktiv. „Auffällig ist, dass der Text nicht als Kritik an einer Region verstanden wurde, sondern als Anstoß, über gesellschaftliche Entwicklungen nachzudenken“, sagt André dazu. 

Viele fragten nach den Grenzen persönlicher Hilfe und wann Selbstschutz notwendig wird und nach der Bedeutung von Prävention, Jugendarbeit und erreichbaren Hilfsangeboten. Einige fragten nach der Verantwortung der Politik, der Institutionen und der Gesellschaft allgemein. Und natürlich wurde auch häufiger darauf hingewiesen, dass diese Problematiken nicht nur den Südharz, sondern viele Regionen betreffen. 

Nun möchte ich persönlich dazu anmerken, dass auch ich in den Harz gezogen bin, weil ich mich verliebt habe. Durch meine journalistische Arbeit und insbesondere durch die Öffentlichkeitsarbeit für die Kirche habe ich auch hinter die eine oder andere Fassade gucken können. Daher kann ich Andrés Erfahrungen durchaus bestätigen. Es gibt vielfältige Probleme, gerade für junge Menschen oder jene, die gefühlt etwas abseits der Gesellschaft stehen. 

Auf der anderen Seite kenne ich auch vielerlei Hilfsangebote der Region. Sei es die Osteroder Tafel, die Fachstelle für Sucht und Suchtprävention oder vieles, was ich durch die Patenschaft für Geflüchtete direkt miterlebt habe. Ja, der Harz ist keine Postkartenidylle und gerade in den ländlichen Regionen mehren sich viele Probleme in den letzten Jahren. Unsere Stärke hier ist aber auch die enge Vernetzung vieler Akteure.
Am Ende kennt immer jemand genau diejenige oder denjenigen, der helfen kann. Wenn denn um Hilfe gebeten wird – manchmal vielleicht auch ein wenig energischer. Die Netzwerke hier bei uns sind stark, es gibt sehr viele Menschen, die ganz bewusst hinsehen und beherzt eingreifen. Und vor allem viele, die dann auch kompetent helfen können.

Aber das ist eben keine Selbstverständlichkeit, kein Selbstläufer. All diese Helfer, von denen sehr viele ehrenamtlich tätig sind, wachsen nicht auf Harzer Fichten. Es sind Menschen aus unserer Mitte, die genau wie André Holst nicht nur die Fassade, sondern auch dahinter blicken wollen. Eigentlich sollten wir das alle wollen. Und dann tun, was in unserer Kraft steht, um Probleme zu verringern.


Viele kennen André Holst vom Showtalk als Interviewer...

...und humorvollen Entrertainer

 

Anzeige