Kultur / Rezensionen

28.07.2026

Die Dinge hinter den Summen


Oliver Bottini beim Mordsharz 2018

Oliver Bottini liest bei Mordsharz in Goslar aus „Die Summe aller Dinge“

....Christian Dolle/Mordsharz

„Hunderte respektabler Mitglieder der Finanzbranche würden stürzen, falls er ein Geständnis ablegt, ihr Leben und das ihrer Familien wäre zerstört, falls die Gerichte sie verurteilen, Banken, Kanzleien, Firmen stünden am Abgrund“, heißt es in Oliver Bottinis aktuellen Roman. In „Die Summe aller Dinge“ geht es um den Cum-Ex-Skandal, um drei Freunde, die die Gesetzeslücke ausnutzen, um richtig abzusahnen. 

Das Buch beginnt damit, dass sie alle drei innerhalb weniger Tage sterben. Zaid erschießt sich selbst, Freddy wird von einem Auto überfahren und Erik wird in seiner Villa von einem Killer heimgesucht. Hauptfigur wiederum ist Vera, Polizistin in Frankfurt und Zaids Ehefrau. Sie möchte wissen, was geschehen ist, doch nicht nur das, sie möchte verstehen. 

Oliver Bottini hat sechsmal den Deutschen Krimipreis gewonnen. Er ist jemand, der sehr tief recherchiert und vor allem ist er ein gekonnter Erzähler. Dementsprechend ist „Die Summe aller Dinge“ kein trockener Finanzkrimi, sondern ein Buch, das in die Tiefe geht, das die Aktiengeschäfte selbst ebenso erklärt wie die Motivation derer, die durch sie hofften, reich zu werden. 

Während Vera sich fragt, wer ihr Ehemann wirklich war und wie er sich auf solch dubiose Geschäfte einlassen konnte, springt der Roman immer wieder in die Vergangenheit und beschreibt, was passiert ist und vor allem warum es passiert ist. Zaid hatte Gewissensbisse. Freddy fragte sich, warum er ein schlechtes Gewissen haben solle, wenn der Staat diese Möglichkeit zur Steuerhinterziehung schaffe und das Finanzministerium seit Jahren darüber Bescheid wusste. Und Erik, so ist Vera felsenfest überzeugt, ist gar nicht tot, sondern lebt noch und ist auf der Flucht vor jenen, die ihn tot sehen wollen, damit er nicht aussagen kann. 

Oliver Bottini gelingt es, einen spannenden Kriminalfall zu erzählen, der von sehr plastischen Figuren getragen wird und somit ein Schwarz-weiß-Denken in Täter und Opfer oft gar nicht so leicht macht. Außerdem rollt er die Cum-Ex- und Cum-Cum-Geschäfte auf und zeigt, wie weitverzweigt das Geflecht derer war, die darin verstrickt waren oder schlicht an einer lückenlosen Aufklärung nicht interessiert, weil es zu viele Fragen aufwerfen könnte. 

„Cum-Ex geschieht im Zentrum der Gesellschaft, nicht an deren Rändern. Und zerstört das Zentrum, nicht die Ränder“ heißt es an einer Stelle. Das wird durch Bottinis durchdachte Romanstruktur und seinen ebenso präzisen wie lebensnahen Schreibstil sehr klar aufgezeigt. „Die Summe aller Dinge“ ist sicher kein einfacher Roman. Aber es ist einer, der zeigt, wie wichtig Literatur als Korrektiv für eine Welt ist, in der nur Profit zu zählen scheint und große Verfehlungen allzu schnell vergessen werden. 

Oliver Bottini ist am 17. September beim Mordsharz-Festival in Goslar zu Gast. Ab 19.30 Uhr liest er dort im Großen Heiligen Kreuz aus „Die Summe aller Dinge“ und wird im Interview sicher noch viele Hintergründe erläutern. Zuvor um 18 Uhr liest Anne Stern aus „Die weiße Nacht“ und später um 21 Uhr Andrea Mara mit ihrer deutschen Stimme Nora Schulte aus „Alles ihre Schuld“. 


Das gesamte Programm:

Wernigerode (Remise), Mittwoch, 16. September:
18 Uhr Roland Lange – „Auf Harz und Nieren“
19 Uhr Preisverleihung Harzer Hammer
19.30 Uhr Ulrike Gerold / Wolfram Hänel – "Tödlicher Hafen - Kokainküste"
21 Uhr Ralf Kramp / Peter Godazgar – „Schuss mit Lustig“

Goslar (Großes Heiliges Kreuz), Donnerstag, 17. September:
18 Uhr Anne Stern – „Die weiße Nacht“
19.30 Uhr Oliver Bottini – „Die Summe aller Dinge“
21 Uhr Andrea Mara / Nora Schulte – „Alles ihre Schuld“

Nordhausen (Tabakspeicher), Freitag, 18. September:
18 Uhr Nikolas Kuhl / Stefan Sandrock – „Ein Leben zu viel“
19.30 Uhr Sophie Czerny – „Totensee“
21 Uhr Åsa Hellberg / Uve Teschner – “ Vega Varg – Das Schweigen der Insel“

Walkenried (Kloster), Samstag, 19. September
18 Uhr Ralf Thiesen – „Schatten über Königsberg“
19.30 Uhr Jan Beck – „Dorn - Zimmer 203 - Ruf der Toten“
21 Uhr Camilla Sten / Julia Nachtmann – „Bachelorette Party“



 

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