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30.06.2026
Mit wissenschaftlichen Fakten gegen rechte Geschichtsmythen
Prof. Dr. Jens-Christian Wagner beim Vortrag im voll besetzten Kapitelsaal des Kloster Walkenried
...Bunt Vernetzt Walkenried
Mit einem eindringlichen Vortrag hat der Historiker Prof. Dr. Jens-Christian Wagner am 22.06.2026 im Kapitelsaal des Klosters Walkenried vor rund 130 Zuhörerinnen und Zuhörern vor rechter Geschichtsverfälschung gewarnt. Eingeladen hatte BuntVernetzt, das Walkenrieder Bündnis für Toleranz, Respekt und Vielfalt. Die Veranstaltung wurde von Dietrich Haußecker moderiert, die Eröffnungsworte sprach Andreas Siebers vom Bündnis. Wagner, Leiter der Gedenkstätte Buchenwald, zeigte an zahlreichen Beispielen, wie die extreme Rechte historische Fakten verdreht, relativiert oder bewusst in ideologische Erzählungen einbaut.
Im Mittelpunkt seines Vortrags stand die Frage, wie rechtsextreme Akteure mit scheinbar harmlosen Begriffen und Anspielungen arbeiten. Wagner erläuterte das Prinzip des Dog Whistling: Botschaften, die für die breite Öffentlichkeit unauffällig bleiben, von der rechten Szene aber klar verstanden werden. Als Beispiele nannte er etwa Verweise auf belastete historische Figuren oder Chiffren, die in der Szene als Signalwörter dienen. Solche Strategien seien darauf angelegt, rechtsextremes Denken anschlussfähig zu machen, ohne offen extremistisch zu wirken.
Wagner machte deutlich, dass die AfD dabei eine besondere Rolle spiele. Sie normalisiere nicht nur geschichtsrevisionistische Narrative, sondern trage auch zur Erosion demokratischer Grundhaltungen bei. Der Vortrag machte zudem klar, dass die Partei aus seiner Sicht eine deutliche Gefahr für die Demokratie darstellt, weil sie historisch belastete Begriffe, Opfer-Täter-Umkehr und die Verharmlosung nationalsozialistischer Verbrechen in politische Kommunikation übersetze.
Debatte um Parteiverbot
In der anschließenden Diskussion wurde Wagner auch auf ein mögliches Parteiverbot der AfD angesprochen. Er erklärte, es gebe gute Gründe, die Argumente für ein Verbot ernsthaft zu prüfen, zumal die Partei eine erhebliche Gefahr für die demokratische Ordnung darstelle. Zugleich räumte er ein, dass es auch gewichtige Einwände gegen ein Verbotsverfahren gebe. Diese Abwägung gehöre zur politischen und juristischen Ernsthaftigkeit der Debatte.
Angriff auf Erinnerungskultur
Wagner ordnete die aktuellen Entwicklungen in einen größeren historischen Zusammenhang ein. Rechtsextreme Angriffe auf Gedenkstätten, Relativierungen der NS-Verbrechen und geschichtsrevisionistische Mythen seien kein neues Phänomen, nähmen aber in der digitalen Öffentlichkeit und in sozialen Medien spürbar zu. Gerade dort verbreiteten sich Desinformation und rechte Codes besonders schnell, weil Algorithmen Aufmerksamkeit belohnten und nicht Wahrheitsgehalt.
Schluss mit Haltung
Im Fazit betonte Wagner, dass historische Urteilskraft, wissenschaftlich fundierte Information und klare Haltung gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus unverzichtbar seien. Gedenkstätten, Schulen, Wissenschaft und Zivilgesellschaft müssten sich aktiv gegen die Normalisierung demokratiefeindlicher Positionen stellen. Erinnerungskultur sei kein neutraler Selbstzweck, sondern ein Grundpfeiler demokratischer Selbstverständigung.
Zum Abschluss blieb Zeit für Fragen und eine offene Diskussion. Anschließend bestand im Lichthof des Klosters Gelegenheit zum persönlichen Austausch mit dem Referenten und untereinander.

