Regionales / Stadt Osterode / Förste/Nienstedt
10.06.2026
Die unbekannten Seiten der Kleinbahn

Dampflokomotiven von Henscheln und Orenstein vorm Lockschuppen in Osterode 1925
von Joachim Schwerdthelm
Wer gedacht hat, dass die Geschichte der Kreisbahn Osterode - Kreiensen längst auserzählt ist, wurde in der Lasfelder Bahnhofsgaststätte eines Besseren belehrt. Vor über einhundert Gästen schafft es Karsten Bayer aus Förste Vorgänge und Begebenheiten zur Sprache zu bringen, welche nicht dem normalen Alltagsbetrieb zuzurechnen sind.
Bei Testfahrten denkt man eher an Erlkönige und oder an die Vorbereitungsphase in der Formel 1. Doch die kurvigen Steigungen und Gefällstrecken zwischen Förste und Westerhof waren für die Hersteller von Schmalspurloks eine gern genutzte Teststrecke. Der Maschinenbau Kiel (MaK) testete hier die speziell für Indien entworfene und hergestellte Lokomotive der Baureihe „ZDM-2“ ausgiebig. Der Betrieb ist auch als „Indian Railways Maschinenbau Kiel bekannt.
Die Henschel Werke in Kassel, einst einer der bedeutensten Hersteller von Lokomotiven in Europa schätzte das Terrain ebenfalls. Die für das wilde waldreiche bulgarische Gebirge der Rhodopen bestimmten Loks für die Rhodopenbahn bestanden ihre Feuertaufe hauptsächlich auf dem Abschnitt zwischen Förste und Westerhof.
Warum auf dem Bahnhof in Förste öfter mit 30.000 Liter Heizöl befüllte Kesselwagen anzutreffen waren, hatte einen einfachen Grund. Statt das Frachtgeschäft nur der Bundesbahn zu überlassen, wurden in Kreiensen normalspurige Kesselwagen aufwändig auf sogenannte Rollböcke verladen und Huckepack nach Osterode gezogen. Dort wurde der flüssige Brennstoff in die großen am Bahnhof stehenden Vorratstanks eines örtlichen Brennstoffhändlers umgefüllt.
Das kleine unscheinbare Wartehäuschen in Posthof bei Badenhausen hatte eine besondere Funktion. Es diente hauptsächlich als Ersatzbahnof für Willensen. Um die Kleinbahn nutzen zu können, mussten sich Willenser Einwohner auf den langen Weg hinunter nach Posthof begeben und nach der Rückkehr gings auch wieder zu Fuß den Berg hinauf.
Ein ebenso kleiner Haltepunkt in Katzenstein war gar ein Güterumschlagplatz. Gleich gegenüber befand sich nämlich die Pilzfabrik Abel (heute WÜRTH). In dem offenen Wartehäuschen befand sich ein Aufsteller mit dem Aufdruck „Frachtgut“. Hatte die Firma Abel Ware zu verschicken, wurde der Aufsteller direkt neben dem Gleis aufgestellt. So wusste der Lokführer Bescheid und die im Wartehaus deponierten Kisten mit Champignons wurden zum Weitertransport an Bord genommen.
In der Endphase des zweiten Weltkriegs wurde die Bahnlinie unerwartet von einer weiteren normalspurigen Trasse gekreuzt. Sie war Teil eines Gott sei Dank nicht vollendeten Großprojekts. Die paramilitärische Bautruppe „Organisation Todt“ bekam im dritten Reich den Auftrag, im sicheren Gipsgestein ein Hydrierwerk zur Ölgewinnung zu errichten. Außer den Produktionsanlagen hätten bis zu dreihundert Kesselwaggons tief im Fels einen sicheren Platz finden sollen. Auf alten Aufnahmen ist die Trasse zum Hydrierwerk gut zu erkennen.
1955 zeugt ein Zeitungsinserat an eine Sonderfahrt der besonderen Art. Die Kleinbahn kündigte per Annonce einen Sonderzug an. Die zu bewältigende Distanz betrug, kaum zu glauben, fast genau zwei Kilometer! Der Sonderzug wurde eingesetzt, um die städtischen Fußballanhänger des VfR Osterode zum Lokalderby gegen TuSpo Petershütte ins benachbarte Lasfelde zu bringen. Nach dem Spiel ging es wieder zurück in die Kreisstadt.
Aus Kostengründen wurden des öfteren Lokomotiven im gebrauchten Zustand angeschafft. Ganz ungewöhnlich wurde es, wenn es sinnbildlich hieß: Heute gibt es zwei zum Preis von einer!
Im Jahr 1957 wurde in Emden von der „Kreisbahn Emden-Pewsum-Greetsiel“ eine Lok der Firma Jung aus Jungenthal/Sieg übernommen. In Osterode traf jedoch nicht nur die Lok ein. Auch der Lokführer ist dabei. Er blieb aus alter Verbundenheit seinem Gefährt am Harzrand weiterhin treu.

