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27.05.2026

NSDAP in Schwiegershausen


Bund Deutscher Mädel BDM Jahrgang 1927

...von Wilhelm Sonntag

In fast jeder Chronik eines Dorfes gibt es den Zeitabschnitt von 1930 bis 1945, der kaum oder gar keine Berücksichtigung findet. Auch im Geschichtsunterricht an den Schulen wurde diese Zeit oft stiefmütterlich behandelt.
Der Verfasser dieser Zeilen ist sich bewusst, dass es eine Gratwanderung ist, darüber näher zu berichten.
Eine nach 1945 für überwunden geglaubte nationalextremistische politische Grundhaltung findet heute in Teilen der Bevölkerung anscheinend zunehmend neue Aufnahmebereitschaft. 

Kaum eine Chronik hat sich mit der nationalsozialistischen Zeit auf dem platten Lande beschäftigt. Dies ist ein Versuch, diese oft hinterfragte Lokalhistorie mit wenigen Bildern und Worten für das Dorf Schwiegershausen darzustellen.

Die Nachwirkungen des verlorenen Ersten Weltkrieges mit hohen Reparationszahlungen haben wesentlich dazu beigetragen, dass ab den zwanziger Jahren rechtsextreme Kräfte in Deutschland Bedeutung erlangten.  

Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) war in den ländlichen Regionen auf den Dörfern besonders erfolgreich. Die Verherrlichung des Bauerntums und die Skepsis gegenüber der Großstadtpolitik war der Nährboden der Partei. Viele Bauern waren durch die Agrarkrise überschuldet und sahen in den Versprechungen der Partei eine Lösung ihrer Probleme. 

Auch Schwiegershausen konnte sich diesen allgemeinen Strömungen nicht entziehen. Zweifellos waren es Vorgänge in ganz Deutschland, die Einfluss ausübten.
Es gab noch keine Medien in dem Maß, wie wir sie heute kennen. Selbst Radios (Volksempfänger) waren eher selten. Das einzige Medium waren die Lokalzeitungen, die letztendlich zu drucken hatten, was dem Zeitgeist entsprach. Die Presse hatte eine wichtige Aufgabe, da Zeitungen im Sinne der Partei Werbung machen und Druckerzeugnisse herstellen konnten. Das Jahr 1933 war mit der Machtübernahme Hitlers entscheidend auch auf Vorgänge in der Lokalgeschichte.

Es wird in Schwiegershausen einen Eindruck hinterlassen haben, als am 18. Februar 1933 der Werbemarsch der SA-Standarte 165 von Bad Lauterberg nach Osterode zum Schluss auch durch Schwiegershausen führte. Mit 1200 Mann, 25 Fahrzeugen und 3 Musikkapellen war es die erste Machtdemonstration der Nationalsozialisten im Vorharz. Die SA war dafür bekannt, politische Gegner einzuschüchtern. Das geschah oft unter Vorwand zur Rettung des Friedens und der Freiheit.

Bei den Wahlen zum Reichstag am 12.11.1933 erreichte die NSDAP in Schwiegershausen ein Ergebnis von 98,3 %. Die Wahlbeteiligung betrug bei 934 Stimmberechtigten 99,1 %. Dazu muss man wissen, dass es zu dieser Wahl nur die Liste 1 der NSDAP gab. Das Wählerbild zu den Gemeindevertreterwahlen am 12.3.1933 entsprach in etwa dem bis heute üblichen. KPD und SPD bildeten die Hälfte zu den übrigen bürgerlichen Parteien. Die NSDAP spielte dabei keine Rolle. Hingegen war der Anteil der NSDAP bei den Kreistagswahlen am 12.3.1933 mit 54,4 % in Schwiegershausen relativ hoch. Er entsprach aber im Wesentlichen den Ergebnissen der umliegenden Dörfer.

Wie sich die umwälzende Entwicklung im benachbarten Osterode vollzogen hat, ist von Walter Struve im 1992 erschienenen Buch „Aufstieg und Herrschaft des Nationalsozialismus in einer industriellen Kleinstadt“ eindrucksvoll beschrieben. Dort hatte Gustav Waßmann, dessen Vater aus Wulften und dessen Mutter Dorette Ehrhardt aus Schwiegershausen (Hs.Nr. 95) stammt, in den ersten Jahren einen wesentlichen Anteil am Entstehen und Wirken der NSDAP. Das hatte mitunter auch Einfluss auf Schwiegershausen, da Waßmann auch im Dorf bekannt war. Selbst nach der Entnazifizierung und längerer Internierung hatte er keinen Hehl aus seinem völkischen Gedankengut gemacht.

Parteifunktionäre waren auf dem Lande in der Regel die Dorflehrer, die zu der Zeit noch einen großen Einfluss und Status hatten. Da es Staatsbedienstete waren, wurden sie per Erlass in ihre Ämter gedrängt. Auch per Verordnung wurde verfügt, dass ab Juni 1933 die Klassenzimmer in Schwiegershausen jeweils mit einem Foto von „Adolf Hitler zu bestücken“ sind. Das Anlegen einer Schulchronik war verpflichtend und wurde am 20.04.1933 (Hitlers Geburtstag) von Lehrer Paul angefangen. Lehrer Willy Meyenberg kam 1945 in ein Internierungslager bei Paderborn und wurde 1946 wegen Zugehörigkeit zur NSDAP aus dem Schuldienst entlassen. Drei Jahre später wurde er jedoch wieder eingestellt.

Die NS-Volkswohlfahrt (NSV) in Schwiegershausen wurde 1934 vom Lehrer Gerhard Paul gegründet und geleitet. Nach seinem Tode 1938 übernahm Lehrer Gustav Lorenz die Leitung. Bereits 1934 wurden von Schwiegershausen 13 Schulkinder unterschiedlicher Klassen für fünf Wochen in den Schwarzwald „verschickt“. 1938 wurde von der NSV ein Erntekindergarten im Schützenhaus eingerichtet, um dort ca. 40 Kinder der Bauernhöfe in der Erntezeit zu betreuen.
 
Ab dem 10. Lebensjahr wurde die heranwachsende Jugend mit den nationalsozialistischen Wertevorstellungen vertraut gemacht. Ab März 1939 gab es eine Zwangsmitgliedschaft für Mädchen in den Jungmädelbund (JM 10-14 Jahre) und Bund Deutscher Mädel (BDM 14-18 Jahre) und Jungen in die Hitlerjugend (HJ). Laut Aussagen kamen in Schwiegershausen besondere Aktivitäten in der Dorfjugend gut an.

Ein besonderer Höhepunkt dieser Aktivitäten war der zweitägige Besuch von 80 verwundeten Soldaten aus dem Reservelazarett Osterode zur Erholung und Genesung. Die Ortsguppenmädel der BDM brachten die Soldaten einzeln in ihre Quartiere im Dorf. Abends traf man sich im blumengeschmückten Festsaal bei Ohnesorge. Im Zusammenwirken der BDM und der HJ gab es ein Festspiel mit dem Bannmusikzug Schwiegershausen. Berichtet wird auch von der Überweisungsfeier der Schulentlassenen in die HJ und BDM Ende März 1940 in der Gastwirtschaft Wemheuer.

Nach der Machtübernahme versprach die NS-Propaganda „Blut und Boden“ eine staatliche Lenkung des Aufschwungs in ländlichen Gebieten.  Mit dem Reichserbhofgesetz durften Höfe nicht geteilt oder verkauft werden. Den so genannten Reichsnährstand bildeten alle Höfe mit Grundbesitz. Eine Abwendung oder Abkehr der Bauern von diesem System war ausgeschlossen. Schwiegershausen hatte 1934 207 Höfe als Mitglieder des Reichsnährstandes, davon gehörten insbesondere 23 zu den Erbhöfen. Im Winterhalbjahr gab es den so genannten Schäferball, wobei die Schwiegershäuser Tracht getragen wurde.

Der Chronist Wilhelm Ehrhardt hat 1935 im Auftrag der Partei eine Aufstellung sämtlicher 147 Flurnamen der Schwiegershäuser Feldmark erstellt.  Der gewählte Ortsbauernführer Otto Waldmann (190) erhielt eine regelnde Stellung im Dorf, der zur NSDAP-Kreisleitung Bericht zu erteilen hatte, ob die Vorgaben der staatlichen Agrarpolitik auch in Schwiegershausen eingehalten wurden.

In Personalunion als Ortsgruppenleiter der NSDAP übte dieses Amt nach 1935 Wilhelm Rusteberg (108) aus, der zuvor ab Mai 1933 gleichzeitig als Gemeindevorsteher gewählt wurde. Fiel ein Angehöriger in den Kriegsjahren an der Front, war es auch Aufgabe von Rusteberg, diese Mitteilung persönlich zu überbringen. Das war sicher eine nicht leichte Aufgabe.

Nach Ende des Krieges kam es auch in Schwiegershausen durch die Entnazifizierung zu einigen personellen Wechseln in den Vorständen der Vereine und in den Genossenschaften.
Grundsätzlich verlief die Entnazifizierung auf dem platten Lande eher milde, da es üblich war, dass man sich gegenseitig so genannte „Persilscheine“ ausstellte. Darin wurde bestätigt, dass man lediglich als „Mitläufer“ passiv tätig war.

Rückblickend betrachtet lassen sich in vielen Vorgängen aus der nationalsozialistischen Zeit parallele politische Strömungen von heute erkennen. Die Rolle der Bauernschaft hat heute auf dem Dorfe aber kaum noch eine Bedeutung. Wesentliche Einflüsse auf die politische Meinungsbildung der Bevölkerung haben inzwischen das Internet und soziale Medien. Leider schwindet auch der Anteil der Leserschaft der lokalen Presse und das Bewusstsein, aus der Geschichte zu lernen.

Quellen: Stadtarchiv Osterode, Walter Struve „Aufstieg und Herrschaft des Nationalsozialismus in einer industriellen Kleinstadt“, Aussagen Zeitzeugen


Emailschilder NSDAP

Fastlohmd Jungmädel JM

Lina Bierwirth

NSV-Kindergarten

Schäferball

Wilhelm Deichmann

Willi Schumann

 

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