Kultur / Rezensionen

15.05.2026

Die dunklen Seiten unserer Seelen


Isa Theobald präsentiert mit „Zerbrochen, aber vollständig“ eine breite Mischung phantastischer Storys

von Christian Dolle

Ein dunkler Raum, Wände aus rauem Stein, kein Licht dringt hinein. Stell dir vor, du tastest dich ewig an den Wänden entlang, doch es gibt keine Tür, nichts, wodurch du entkommen könntest. Irgendwann verschluckt die Dunkelheit sogar die Zeit, all deine Gedanken, du hast Angst, wahnsinnig zu werden.

Eine ebenso gute wie klassische Ausgangslage für eine Horrorgeschichte. In ihrem Buch „Zerbrochen, aber vollständig“ fügt Isa Theobald eine zweite Erzählebene hinzu. Eine alte Frau, ein Pfleger, lange Nächte, die ebenso düster werden. Auf einmal bekommt die Geschichte eine sehr reale Seite, die umso erschreckender ist und beim Lesen tief unter die Haut geht. 

„Zerbrochen, aber vollständig“ ist eine Sammlung von Geschichten, die eigentlich in keine Schublade passen. Isa Theobald ist als Autorin generell eher in Nischen zu finden, schreibt Phantastik, unter anderem ihre Anouk-Reihe um einen Sukkubus zwischen Fantasy und Popkultur. Ansonsten veröffentlicht sie auch viel in Anthologien, die Texte aus „Zerbrochen, aber vollständig“ sind größtenteils schon einmal irgendwo erschienen. 

Rosa Wesen, die schnell zerplatzen

Was sie verbindet ist ein Abtauchen in die Abgründe der Seele, der Menschheit, vielleicht der Welt. Es gibt klassische Märchen, Kaiju-Horror oder auch Cyberpunk, eine unfassbare Bandbreite. Da ist zum Beispiel ein riesiger Oktopus, der durchs Saarland (der Heimat von Isa Theobald) krakt und die Menschen in Angst und Schrecken versetzt. Dabei hat er eigentlich nichts Böses im Sinn, es tut ihm sogar leid, dass diese rosa Wesen so schnell zerplatzen, wenn man sie zu doll drückt. 

Es gibt Kobolde, die sich Kindern zeigen und sie darauf vorbereiten, dass diese sie als Erwachsene nicht mehr werden sehen können. Es gibt einen Techniker, der immer wieder einen weiblichen Androiden reparieren muss, den sich ein Kunde bestellt hat, um an ihm seine Wut auf die Ex-Frau auszulassen und dabei auf immer abscheulichere Foltermethoden kommt. Besonders genießt er, dass die Erinnerungen der Androidin nach der Wiederherstellung nicht gelöscht sind, sie also nicht vergessen kann, was ihr angetan wird. 

Gerade diese Story mag einerseits an Stanislaw Lem oder Isaak Asimov denken lassen, ist andererseits in Zeiten von KI wieder brandaktuell. Was sie aber wirklich erschreckend macht, ist die Komponente der häuslichen Gewalt, die die Autorin subtil und dennoch unübersehbar einwebt und die Phantastik damit in die oft ja viel grausamere Realität dringen lässt. 

Opener für Gedanken und Diskussionen

Genau das gelingt ihr an so vielen Stellen. Isa Theobald durchbricht ein reines Erzählen von Gruseligem mit realen und leider oft sehr präsenten und gerne verdrängten Themen und macht es dadurch umso erschreckender. Auch in der eingangs angerissenen Geschichte schafft sie es, straight ihre Story zu erzählen, dabei aber eine Tür zum realen Horror in der Pflege aufzustoßen, bei der der Leser selbst entscheiden kann, wie weit er hindurch geht. Es kann als Realitätsbezug und kleiner Hint gelesen werden, aber ebenso auch als Opener für Gedanken und Diskussionen, die weit über das Geschriebenen hinausgehen können. 

Auf ihren Social Media-Kanälen berichtet die Autorin offen und schonungslos über ihre Krebserkrankung und ihren Umgang damit. Ebenso realer Horror, aber auch eine gute Portion Galgenhumor, mit dem sie ihm entgegentritt. Wenn sie ihrem Turmor beispielsweise den Namen Gernot gibt, macht sie ihn in gewisser Weise zu einer phantastischen Figur und kann so offenbar besser mit ihm umgehen. 

Horror ist für sie und ist ja generell auch ein Weg, um mit realem Schrecken umgehen zu können. Die Fiktion kann helfen, die Realität zu ertragen. Wie das geht, zeigt Isa Theobald meiner Meinung nach mit diesem Buch sehr deutlich. Für mich gibt sie ihren Lesern vieles an die Hand, um dem Schrecken seinen Schrecken zu nehmen, um den Blick aus der Dunkelheit auf den schwachen Lichtschimmer zu richten, der am Ende eben doch zu sehen ist. 

Das Buch ist eine außergewöhnliche Sammlung, zum einen durch die unfassbare Bandbreite an Genres, Themen und Ideen, zum anderen durch die literarische Qualität, die weit über schlichte Horrorgeschichten hinausgeht und eben tatsächlich immer wieder in Abgründe der Seele hinabsteigt und so viel offenbart, was uns stärken kann. Mich jedenfalls hat es begeistert, aber vollständig.  

Ein Interview mit Isa Theobald gibt es hier: 




 

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