Regionales / Bad Sachsa / Walkenried
27.04.2026
Gernot und der Oktopus
Isa Theobald las zusammen mit Sascha Storz und Kaunoka
von Christian Dolle
„Gernot muss ein Einzelkind bleiben“ war der Schlachtruf, der sie weiterkämpfen ließ. Gernot ist ihr Krebs, in einem Lymphknoten in ihrer Brust. Isa Theobald erkrankte schon vor Jahren, kämpfte dagegen an, erlebte all die schweren Nebenwirkungen der Therapien mit, machte sich durch die Selbstständigkeit als Autorin Mut und Hoffnung, bevor der Krebs erneut auftrat. Gernot.
Bei ihrer Lesung am Freitag in Bad Sachsa sprach sie sehr offen, sehr schonungslos, aber nicht ohne Humor darüber. Das tut sie auch auf ihren Social Media-Kanälen und sie schreibt es in ihrem aktuellen Buch „Zerbrochen, aber vollständig“. Weil es gut tut, dem Leid einen Namen zu geben. Weil sie viel zu lange die Fassade gewahrt und Stärke vorgespielt hat. Weil sie anderen Mut machen will. Und weil Galgenhumor tatsächlich hilft. Gernot blieb ein Einzelkind.
Phantastische Literatur
Doch nein, die Lesung war keine Selbsthilfeveranstaltung für Erkrankte. Nein, es sollte um Phantastik gehen, um Literatur, die in düstere Abgründe entführt, die sich selbst aber auch nicht immer zu ernst nimmt. Doch ja, Literatur ist nun einmal so vielfältig wie das Leben, sollte es jedenfalls sein.
Vielfältig war auch das Programm des Abends in der sogenannten „Black Hole Sun Bar“. Die befindet sich im Keller der Bezirksdirektion der Continentale und beinhaltet unzählige Erinnerungsstücke von Lutz Hasselkus, der seine Gäste aber zunächst mit einem Geschicklichkeitsspiel überraschte, bei dem es auch Preise zu gewinnen gab.
Um Erinnerungen, nämlich die an eine gute alte Zeit, die ja leider unwiederbringlich vergangen ist, ging es dann auch in der Opener-Geschichte von Sascha Storz. Er schlüpfte erzählerisch wie auch wortwörtlich in die Rolle eines Jongleurs, der dem verzauberten Markttreiben nachtrauert. Musik gab es von Kaunoka, die einige Heine-Gedichte vertonte, aber auch Stücke ihrer aktuellen CD „The Garden“ vorstellte. Damit verlieh sie der „Black Hole Sun Bar“ eine absolut phantastische und verträumte Atmosphäre.
Literarisch abwechslungsreich
Isa Theobald las dann nicht nur ihre sehr persönliche Geschichte, sondern außerdem etwas aus ihren Anouk-Büchern, für die sie bekannt ist, und weitere Storys aus ihrem aktuellen Buch. Unter anderem die eines gigantischen Oktopus, der durch Bliesmengen-Bolchen tobt (so, wie es klingt, kann es natürlich nur im Saarland, der Heimat der Autorin, liegen, obwohl sie es auch, wie sie sagte, nach Bad Sachsa häte verlegen können). Eine Kaiju-Story, die zwar irgendwie schräger Horror, durch ihre Absurdität aber vor allem brüllend komisch ist. (Erschienen ist sie übrigens zuerst in der German Kaiju-Anthologie von Markus Heitkamp; wer regelmäßig die Buchtipps hier verfolgt, wird sich an „Goldizilla“ vor vier Wochen erinnern, das ebenfalls aus der Reihe stammt.)
Es war also ein literarisch hochwertiger und abwechslungsreicher Abend, für das leibliche Wohl und persönliche Gespräche war ebenfalls gesorgt. Somit fühlte es sich sehr familiär an und bot doch viel Stoff, um darüber nachzudenken, weiterzulesen und auf jeden Fall gespannt auf die nächste Phantastik-Lesung zu sein. André Ziegenmeyer wird dieses Jahr noch zu Gast sein und ebenso Christian von Aster (für beide gilt eine uneingeschränkte Empfehlung der Redaktion!).

