23.03.2026
In die Abgründe des Horror-Thrillers
Annika Strauss und Sebastian Fitzek präsentierten die tiefste Lesung der Welt
von Christian Dolle
Die „tiefste Lesung der Welt“, so war es angekündigt. Die Buchpremiere des neuen Horror-Thrillers von Annika Strauss und Sebastian Fitzek. „REM“, so heißt das Buch und es sollte unter Tage im Bergwerk in Sondershausen vorgestellt werden. Eine ebenso schräge wie coole Idee, ein außergewöhnliches und eben auch einmaliges Live-Event.
Die Karten waren innerhalb kürzester Zeit ausverkauft, natürlich. Schließlich sind die Plätze in einem Stollen vermutlich auch begrenzt, sagte ich mir, und Fitzek ist eben Fitzek, der populärste und meistgelesene aktuelle Autor Deutschlands. Allerdings wollte ich mich damit noch nicht zufrieden geben. Immerhin ist Fitzek auch Mordsharz-Autor und auch Annika Strauss war im vergangenen Jahr bei unserem Krimifestival zu Gast. Zur Not, so dachte ich mir, schreibe ich sie an und frage, ob sie mich da noch irgendwie reinbringen kann. Allerdings komme ich mir dabei immer schäbig vor.
Also habe ich erst einmal die Veranstalter bzw. Sebastians Management angerufen und gefragt, ob denn noch eine Pressekarte zu haben wäre. Auch die Presseplätze seien sehr limitiert, wurde mir gesagt, aber Mordsharz öffnet durchaus Türen, und so wurde mir zugesagt, dass ich dabei sein kann, also bei der Lesung und auch vorher beim Interviewtermin, wo sonst überwiegend größere Fernseh- und Radiosender teilnahmen. Meine Vorfreude war riesig.
Größtes noch befahrbares Kalibergwerk
Das Glückauf-Bergwerk in Sondershausen kannte ich noch nicht, obwohl es nur eine Stunde weg ist. Es soll das älteste noch befahrbare Kalibergwerk der Welt sein, las ich und es wird dort noch immer Salz gefördert. Wusste ich vorher natürlich nicht. Auch nicht, dass diese unterirdische Welt eine Ausdehnung größer als Leipzig haben soll. Allein das klang ja schon ungemein spannend.
Durch die Buchmesse und genug anderes habe ich mich im Vorfeld ehrlich gesagt auch wenig mit „REM“ befasst. Aber es geht um Träume, um Träume, die ich nach dem Aufwachen aufzeichnen und so erneut erlebbar machen kann. Das ist definitiv Stoff für guten Horror. Nicht zuletzt, weil ich selber schon Träume direkt nach dem Aufwachen notiert und später Creepypastas daraus geschrieben habe. Bei vielen dieser Geschichten frage ich mich heute noch, warum mein Gehirn im Schlaf sowas hervorbringt.
Am Samstag machte ich mich dann also auf den Weg, hatte gesagt bekommen, wo ich mich einfinden muss und dass wir Presseleute vor der Lesung unten einen einstündigen Slot für Interviews, Fotos etc. haben. Ehrlich gesagt freute ich mich aber auch darauf, weil Annika und Sebastian mir durch die Zusammenarbeit bei Mordsharz wirklich ans Herz gewachsen sind, ich beide ungemein spannend und sympathisch finde und mich einfach freute, sie wiederzusehen.
Mit dem Fahrstuhl in die Tiefe
Zuerst aber gab es mal eine Schlange von Besuchern und Leute vom Team, die uns Pressefuzzis noch einmal sagten, was wir dürfen und was wir lieber lassen sollten. Zuerst einmal: unbedingt einen Helm aufsetzen! Dann einige Treppen rauf auf den Förderturm, dort zusammen mit etlichen anderen in einen engen Fahrstuhl und wie die Ölsardinen kurz darauf in die Kälte, Dunkelheit und Tiefe hinunterfahren.
Um mich herum waren einige, denen jetzt ein wenig mulmig wurde. Sebastian hatte irgendwo angekündigt, dass ihn genau diese Atmosphäre reize. Kein Ausweg, Dunkelheit, kein Handyempfang. Ja, das ist wirklich guter Stoff für Albträume. Und für gute Horrorromane. Fast 700 Meter ging es hinab in die Erde. Meine sinne waren gespannt, meine Fantasie waberte schon in alle möglichen Richtungen, mit jedem Meter, den wir tiefer ins Gestein fuhren, stieg meine Vorfreude.
Unten angekommen wurden wir durch riesige Stollen gelotst, das Publikum gleich in den Veranstaltungssaal, wir Presseleute erst einmal in einen Nebenraum, natürlich alles aus dem Fels gehauen und damit wunderbar surreal. Das Team empfing uns, fragte, ob wir noch etwas brauchen und und und, an dieser Stelle muss ich sagen, dass ich solche Pressebetreuung unfassbar großartig finde, vor allem, wenn es familiär und nicht zu steif ist. Den Kolleginnen und Kollegen ging es ähnlich, wobei die Fernsehteams natürlich vor allem mit dem Aufbau für ihre Interviews beschäftigt waren.
In der Zeit ließ ich mir den Veranstaltungssaal zeigen, der schon leer unglaublich beeindruckend war. Ein aus dem Stein gehauener Konzertsaal, was allein schon beeindruckend genug ist, dazu aber auch zwei Videowände an den Seiten der Bühne, auf denen das Auge vom Buchcover zu sehen war. Im roten Licht boten allen schon diese beiden Augen so viel Stoff für gute Geschichten.
Das Fernsehen machte Interviews, der Eseltreiber auch
Nach einer Weile trafen dann die beiden Autoren ein, Annika begrüßte mich sofort mit einer Umarmung, Sebastian zögerte kurz, brauchte einen Augenblick, bis er wusste, woher er mich kannte. Nun muss ich dazu sagen, dass ich Annika aber auch vorher geschrieben hatte, dass ich da bin. Und bei Sebastian nehme ich an, dass er noch deutlich mehr unterschiedlichen Menschen über den Weg läuft als ich, und mir geht es ehrlich gesagt immer so, dass ich unglaubliche Probleme habe, Menschen einzuordnen, wenn ich sie in einer anderen Umgebung als der üblichen treffe. Auch darüber müsste ich eigentlich mal ne Geschichte schreiben.
Jetzt begannen die Fernsehteams jedenfalls mit ihren Interviews, danach war ich ziemlich früh an der Reihe, weil ich sagte, ich brauche nicht lange. Die tiefste Lesung der Welt, fragte ich Sebastian, letztes Jahr hat er bei uns auf dem Brocken die höchste Norddeutschlands gehabt, welche Superlative kommen denn da noch? Nee, es gehe ihm gar nicht um die Superlative, wenn er sowas macht, dann soll es immer auch zum Buch passen, erklärte er. Leuchtet ein. Unter Wasser würde ihn noch reizen, wer weiß, vielleicht ja irgendwann mal.
Annika hat ja mit „Nachtfahrt“ ihren ersten Thriller veröffentlicht, obwohl sie sich zuvor als Schauspielerin in Horrorfilmen oder auch Hörspielen den Ruf als deutsche Scream Queen erarbeitet hat. Trotzdem habe ich immer nur über die Fitzek-Premiere gelesen, ob sie sich da ein wenig als „Beifahrer“ fühle, fragte ich sie. Ganz im Gegenteil, es sei eine Arbeit auf Augenhöhe gewesen, die ersten Ideen kamen von ihr, anschließend haben beide nach dem Motto „die bessere Idee schlägt die gute“ gearbeitet.
Lesung mit Live-Sounds
Das bestätigte auch Sebastian, der meinte, es habe schon einen Grund, warum Annika Strauss auf dem Cover oben und größer gedruckt als Sebastian Fitzek stehe. Da ich auch von Vincent Kliesch weiß, wie die Zusammenarbeit mit Sebastian läuft – also bei den „Auris“-Romanen – glaube ich das sofort. Und ja, auch ich habe seit ich hier unten bin ziemlich viele Ideen, die ich mit den beiden gerne umsetzen würde.
Wenig später geht es dann los, wir alle dürfen in den Saal, die beiden Autoren betreten die Bühne und es geht los. Doch Moment mal – da ist noch jemand auf der Bühne. Und die ersten gelesenen Szenen werden mit Live-Geräuschen untermalt. Es ist niemand anders als der großartige Geräuschemacher Jörg Klinkenberg, den wir mit Die drei ???-Events auch schon bei Mordsharz hatten und der mich nun endgültig dahinschmelzen lässt.
Eine Horrorlesung zweier extrem guter Autoren, die auch vor schlimmen Szenen nicht zurückschrecken untermalt mit Sounds, die mich vollkommen in die Geschichte eintauchen lassen. Besser geht es nicht!
Lust auf Horror
Doch, vielleicht schon. Denn es geht nicht nur um die Geschichte (auf die ich hier gar nicht zu sehr eingehen möchte, da ich sicher noch eine Rezension dazu schreibe), sondern auch um das Miteinander der beiden. Sie sind nun mal auch Entertainer und nutzen den gemeinsamen Auftritt, um über ihre Zusammenarbeit, über Annikas Filme, über manchen Schock ihrer Lektorinnen bei allzu krassen Szenen und vieles andere zu erzählen.
Für Sebastian ist es der erste Ausflug vom Thriller- ins Horrorgenre und ich meine seine Begeisterung zu spüren, etwas für ihn Neues angepackt zu haben. Annika mag die unbekanntere der beiden Autoren sein, dafür aber versierter im Horror und genau das scheint es zwischen den beiden so passend zu machen. Für uns als Publikum gehören die beiden (oder vielmehr die drei, da Jörg auch dazugehört) auf jeden Fall zusammen.
Die Zeit vergeht wie im Flug, es ist genau die Art von Präsentation, die Literatur heute meiner Meinung nach braucht und vor allem macht es neugierig auf das Buch. Zum Ende hin gibt es noch eine gelesene Szene, die im Anschluss zum Vergleich noch einmal aus dem Hörspiel abgespielt wird, also alles in allem eine absolut runde Sache, die keine Wünsche offen lässt.
Auch Fragen aus dem Publikum werden noch beantwortet, bevor dann über Tage noch Bücher signiert werden können. Es ist das perfekte Event, eine durchgetaktete Show, die alles biete, aber zum Glück mit so viel Persönlichkeit und echtem Enthusiasmus, dass es nicht künstlich wirkt. Zum Schluss kaufe ich auch noch ein Buch, mache mich dann glücklich auf die Heimfahrt und beginne zu Hause tatsächlich noch mit dem Lesen. Leider war der Tag so lang und aufregend, dass selbst der spannende Einstieg das Zufallen meiner Augen nicht verhindern kann. Vielleicht verrate ich euch irgendwann, welche Träume mich dann heimsuchten. Vorausgesetzt, ich kann mich an sie erinnern oder sie irgendwie aufzeichnen.

