Kultur / Rezensionen
09.03.2026
Sind wir die Nächsten?
Marc Elsberg warnt mit „Eden“ vorm Artensterben
von Christian Dolle
Ein Tauchgang mit Touristen im tiefblauen Meer der Karibik. Sie alle sind entzückt, als sie ganz nah Walhaie an sich vorbeiziehen sehen. Zwei ausgewaschene und ein Jungtier. Dann aber taucht ein Schatten aus der Tiefe, Tentakel greifen nach dem Jungtier und auch nach den Tauchern, insbesondere nach dem Influencer Linus, ein Tentakel umschließt sein Bein und will auch ihn in die Tiefe ziehen.
Mitten hineingezogen wird der Leser mit dieser Szene in Marc Elsbergs neuesten Thriller „Eden – Wenn das Sterben beginnt“. Nach „Celsius“, das auch schon aktuelle Kipppunkte für die Welt zum Thema hatte, widmet der Bestsellerautor von „Blackout“, „Gier“ oder „Der Fall des Präsidenten“ sich nun dem drohenden Artensterben, das uns als Menschheit schneller als gedacht ins absolute Chaos stürzen kann.
Marc Elsberg hat sich den Ruf als Mahner, als Warner erarbeitet, als jemand, der aktuelle Entwicklungen akribisch recherchiert und in seinen Büchern Szenarien entwirft, was sein könnte. Es sind immer Möglichkeiten, die er durchspielt, so auch hier, und auch in „Eden“ wieder in schnell geschnittenen Szenen mit verschiedenen Figuren auf der ganzen Welt.
In der Karibik ist es zunächst einmal die Touristenführerin und Meeresbiologin Sarah, die sich um den knapp dem Tod entronnenen Linus kümmert. Der jedoch scheint es wie alles im Leben nicht ernst zu nehmen und macht erst einmal Content für Social Media daraus, was Sarahs Sympathie für ihn nicht gerade steigen lässt. Vielmehr beschäftigt sie aber die Frage, was einen Riesenkalmar so weit an die Meeresoberfläche treibt. Es kann nur der Nahrungsmangel, also ein eklatanter Rückgang des Planktons sein.
Weiterhin kämpft die deutsche Umweltministerin mit dem Wirtschaftsminister um die Deutungshoheit für die Bewertung eines Großprojektes im ländlichen Brandenburg, ein System- und KI-Experte bringt ein Programm auf den Markt, das erstaunlich präzise Vorhersagen über anstehende Katastrophen tätigen kann, eine Landwirtsfamilie kämpft um ihre Existenz und einige Investoren wollen aus den vielen weltweiten Vorfällen Kapital schlagen und dafür die KI-Vorhersagen nutzen.
Es sind viele Handlungsstränge, die sich aber schnell zu einer großen, sehr straight und spannend erzählten Geschichte fügen. Alles greift ineinander, vor allem aber greifen sehr viele längst bekannte Fakten ineinander und Marc Elsberg muss nur wenig zuspitzen, um zu zeigen, was in welch kurzer Zeitspanne daraus folgen kann.
Ja, „Eden“ ist ein Katastrophenroman und als solcher absolut mitreißend. Zugleich ist es ein Spiegel unserer Politik, die sich lieber um die Wählergunst als um Lösungen kümmert, wie auch unserer in vielen Bereichen auf Spekulationen basierenden Wirtschaft, die vom Leid auf der Welt profitiert. Hinzu kommt die Frage, inwieweit der Mensch in die Natur eingreifen sollte, die eigentlich dadurch obsolet wird, dass wir über Jahrhunderte die Natur rücksichtslos ausgebeutet haben und sie jetzt vor uns schützen müssen bzw. uns davor, dass wir die Nächsten sind, die vom Artensterben bedroht sind.
Im Verlauf des Buches gelingt es Sarah immer mehr, Linus für die Entwicklungen auf der Welt und vor allem für die Zusammenhänge zu sensibilisieren. So wird der strahlende Surferboy mehr und mehr zum Umweltaktivisten, wodurch er sich natürlich nicht nur Freunde macht. Das gilt insbesondere für sein Hippo, mit dem er das Internet erobert, weil die Figur es schafft, komplexe Sachverhalte anschaulich aufzuschlüsseln.
Hippo ist natürlich eine niedliche Figur, die vielleicht auch in der Realität Chancen hätte, zum Social Media-Phänomen zu werden. Vor allem aber steht sie für Habitatsverlust, invasive Arten, Pollution, Population und Overharvesting, also fünf Gründe, die das Gleichgewicht der Arten stören und in Summe unsere Lebensgrundlagen und Nahrungsketten zerstören können. Alles Entwicklungen, die Marc Elsberg nicht konstruieren, sondern lediglich beobachten und zusammenführen muss.
„Eden“ ist somit meiner Meinung nach genau das, was Hippo ist. Es bricht große Probleme und Zusammenhänge so anschaulich herunter, das sie für jeden verständlich und uns eine Warnung sein sollten. Das ist die große Stärke des Autors und seiner Bücher. Ja, auch Warnungen vorm Weltuntergang dürfen unterhaltsam sein. Vielleicht müssen sie es sogar, da die Zeichen der Zeit und die wissenschaftlichen Ausführungen dazu ja von politisch oder wirtschaftliche Mächtigen mit sehr egoistischen Motiven zerredet werden.

