Kultur / Rezensionen

30.01.2026

Mystery im toten Harzer Wald


Monalishan Santhalingam nimmt seine Leser in „Flüsternde Erinnerungen“ mit auf eine Wanderung zum Achtermann

von Christian Dolle

Immer wieder verschwinden im Harz Menschen. Alles begann mit Jojo und seinen Freunden, die auf einer Wanderung zum Achtermann waren. Jojo war der einzige von ihnen, der zurückkehrte, jedoch ohne jegliche Erinnerung. Sieben Jahre später will er sich der Vergangenheit stellen und endlich wissen, was ihnen damals passiert ist.

Der Psychothriller „Flüsternde Erinnerungen“ von Monalishan Santhalingam erinnert an die Geschehnisse an Djatlow-Pass oder die vermehrten Vermisstenfälle in den Appalachen. Die Idee kam dem jungen Autor als Salzgitter bei einer Wanderung mit Freunden durch den Harz – sie alle kehrten allerdings zurück. Es sei die besondere mystische Atmosphäre im Harz, die ihn inspiriert habe, so dass er dazu diese mysteriöse und extrem spannende Geschichte ersann, bei der lange alles unklar und vieles möglich scheint.

Wälder, die unweigerlich an den Tod erinnern

Der schönste Part beim Schreiben sei aber gar nicht der erste Durchgang, sagt Monalishan, sondern für ihn die Überarbeitung des Manuskripts, wenn er die Ideen in schöne, stimmungsvolle Sätze formen kann. Das beginnt gleich am Anfang, wenn er den aktuell an vielen Stellen toten Harz wie folgt beschreibt: „Die Atmosphäre, die ganze Umgebung und die unerträgliche Stille in den Wäldern erinnerte unweigerlich an den Tod. Keim Baum weit und breit würde einem noch Sauerstoff zum Atmen spenden können. Vielmehr waren sie zu hölzernen Grabsteinen erstarrt und warnten den Beobachter, auch nur einen Fuß auf den undurchdringlichen Schlachtplatz zu setzen.“

Als Jojo dann von Hamburg zunächst nach Braunschweig und zu seinem Vater fährt und von dort aus Wanderungen im Harz unternimmt, heißt es: „Über die alten Geschichten sind bestimmt schon Efeu und Wurzeln gewachsen, daher wird es niemanden mehr interessieren, was früher war.“ 

Damit will Jojo sich nicht zufriedengeben, wandert genau die Route ab, die er damals mit seinen Freunden nahm. Er erinnert sich an gar nichts, was ihm bekannt vorkommt, dann aber blitzen allmählich Bilder aus der Vergangenheit auf. „Für eine kurze Zeit fühle ich mich wieder wie siebzehn. So jung, frei und unbeschwert. Damals, als wir noch lebten und nicht an morgen dachten“, heißt es im Buch, „Dann hörte ich ihre Schreie. Sah Blut vor mir. Plötzlich ein Knall. Dann mehrere. Schlagartig spüre ich ihre unerträglichen Schmerzen, konnte ihnen aber nicht helfen. Stocksteif stand ich nur da, und wagte es nicht, mich zu rühren.“ 

Reise in den Harz und die Vergangenheit

Monalishan nimmt seine Leser mit auf die Wanderung zum Achtermann und die Reise in Jojos Vergangenheit. Sehr geschickt deutet er vieles an, wirft mit jedem neuen Puzzlestück auch neue Rätsel auf. Damals wie heute glauben einige nicht an eine Amnesie, halten Jojo für den Täter. Somit will er sich auch selbst von allem Verdacht reinwaschen. Doch wenn er sich nicht erinnern kann, wie kann er sich dann sicher sein, dass er es nicht war? Wer war er damals? Oder hat es doch mit der mystischen Landschaft selbst zu tun?

„Flüsternde Erinnerungen“ ist ganz Psychothriller und ist auch ganz Mysterythriller. Es geht ebenso ins Unterbewusstsein der Hauptfigur wie in den düsteren toten Wald. Beides birgt Geheimnisse, die alles andere als angenehm sind. Dabei sorgt der Schreibstil des Autors für angenehmen Grusel und dieses unerträgliche Gefühl, unbedingt wissen zu müssen, was auf der nächsten Seite passiert. 

Es ist ein Buch, das unter die Haut geht, das seine Figuren ernst nimmt, das insbesondere durch die realen Orte glaubwürdig und nachvollziehbar ist. Das macht einen Großteil der Spannung und Intensität aus. Zwischendurch werden immer wieder falsche Fährten gelegt, so dass nichts mehr gewiss ist und das Ende dennoch überrascht. Also alles, was ein guter Thriller braucht. 

Monalishan sagt, er schreibt bereits am nächsten Buch, hat noch viele weitere Ideen. Das ist gut so, denn er ist definitiv ein Autor, auf dessen Werke man gespannt sein darf, denn er schafft es, Geschichten, die auch am Djatlow Pass oder in den Appalachen spielen könnten, in eine vertraute Umgebung zu holen. Damit schärft er den Blick für die Schatten, für das, was vielleicht verborgen bleiben sollte, und schürt düstere Fantasien. 

Diese Rezension gibt es auch zum Hören auf Youtube: 

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