Kultur / Rezensionen
13.11.2025
Emy Angst
„Bunkerkind“ von Milo C. Ashford ist ein herausforderndes Buch
von Christian Dolle
In einem verschlüsselten Netzwerk, in das er sich hackt, findet er Hinweise auf ein schreckliches Verbrechen. Ein Verbrechen, das nicht zum ersten Mal stattfindet, eines, das kein Kind je erleben sollte. Wenig später verschafft sich Malik Zugang zu einer im Wald verborgenen Hütte,entdeckt dort im Keller einen verängstigten, verwahrlosten Jungen, der über viele Jahre hier eingesperrt und missbraucht worden sein muss.
„Bunkerkind“ von Milo C. Ashfort wartet mit dem schlimmsten Szenario auf, das ein Psychothiller bieten kann. Gewalt, Missbrauch, psychische Traumata, Abhängigkeit und Tod – all das wird als Triggerwarnung vorausgeschickt. Nun ist es leicht, all diese Grausamkeiten heranzuziehen, um die größtmögliche Spannung und Emotionalität zu schaffen. Umso schwerer ist es aber, eine solche Geschichte über eine Romanlänge packend und plausibel zu bespielen.
Der Autor lässt seinen Protagonisten Malik den Jungen nicht bei der Polizei abliefern, sondern mit zu sich nach Hause nehmen. Malik ist nämlich nicht nur forensischer Analyst, sondern auch selbst Opfer, und zwar eines, dem die Aufarbeitung all dessen, was er als Kind erleben musste, nie wirklich gelang. Das möchte er Emy, den geretteten Jungen, nicht durchmachen lassen.
Erschütternd plausibel
Er fühlt sich für Emy verantwortlich, will an ihm das wieder gutmachen, was stationäre Aufenthalte in Kliniken und Therapien in ihm für immer zerstört haben. Nur hat er dabei vieles nicht bedacht. Fast zwei Jahrzehnte war Emy in dem dunklen Keller gefangen, ist entwicklungsverzögert, verfügt über keinerlei Sozialkompetenz, geschweige denn Wissen über die Welt hier draußen und kann sich auch nur in einer Art Kleinkindsprache ausdrücken. Noch dazu ist mit dem Peiniger, den Malik nicht lebend aus der Sache herauskommen ließ, Emys einzige Bezugsperson weggefallen. Die wiederum sieht er nun in Malik, kann aber nicht verstehen, dass der ihn ganz anders behandelt, nichts von ihm verlangt.
Milo C. Ashford ist Selfpublisher, hat vor diesem Roman einen Sammelband mit herausgegeben, ist also fast noch ein literarischer Ersttäter. Manches leitet er aus eigenen beruflichen Erfahrungen in der Pflege ab, dazu hat er natürlich recherchiert, vieles sei aber auch einfach aus seinem Gefühl heraus geschrieben, wie er mir sagte. Das birgt ja grundsätzlich viele Gefahren, Dinge falsch, missverständlich oder schlicht nicht nachvollziehbar darzustellen, gerade bei einem solch ernsten Thema.
Nun bin ich selbst nicht vom Fach, hab nur ein paar Semester Pädagogik und Psychologie studiert, kann also vieles nicht beurteilen. Dennoch erscheint mir die Beschreibung Emys absolut nachvollziehbar. In meiner Vorstellung könnte sich ein Jugendlicher, der solchen Horror erlebt hat, so oder ähnlich verhalten. Ganz deutlich wird das in seiner Sprache, die mit Satzkonstruktionen wie „Emy Angst“ auf dem Niveau eines maximal Drei-, später vielleicht Fünfjährigen ist (als Sprachwissenschaftler bilde ich mir ein, das durchaus einigermaßen einschätzen zu können). Kleiner Sidefact: An einer Stelle wird angedeutet, dass Emy so spricht, weil sein Peiniger Gefallen daran fand. Bitter, aber auch das erschütternd plausibel.
Mitgefühl mit Missbrauchsopfern
Apropos Sprache: Hinter Selfpublishern steht ja nun mal kein großer Verlag und damit auch kein großes Lektorat, das das Buch sprachlich glattbügelt. Ist in diesem Fall aber auch gar nicht nötig, Milo hat mich mit so vielen Formulierungen und Metaphern völlig abgeholt. So schildert er seinen Protagonisten eben als jemanden, der gerne für sich oder mit sich und seinen Dämonen allein ist. „All das bedeutete nicht, dass er nichts fühlte oder gar kein Privatleben besaß. Es bedeutete nur, dass niemand mehr Zugang zu seiner Innenwelt erhielt“, heißt es. Von diesem Punkt an fühlte ich eine große Verbundenheit zu diesem Charakter.
Nun sei aber noch erwähnt, dass Malik alles andere als ein einfacher Charakter ist, nein, ein tief gebrochener, der sich immer wieder dazu zwingen muss, sich von den tiefen Abgründen seiner Seele abzuwenden. Das gelingt ihm nur mit starken Medikamenten. Dass deren Nebenwirkungen wiederum nicht gut für seine Mission, Emy zu retten, sind, liegt auf der Hand. Es bleibt also keinesfalls beim Kammerspiel zwischen einem jugendlichen und einem nach außen erwachsen gewordenen Opfer. Bald schon gibt es Tote, zum Ende hin ein wahres Blutbad und über alles gespannt eine Thrillerhandlung, die sehr gut konstruiert und absolut mitreißend geschrieben ist.
Zwischendurch kommt immer wieder die Frage auf, was eigentlich real sein kann und was Wahnvorstellung und dazu meiner Meinung nach ein tiefes Mitgefühl mit Missbrauchsopfern, was dieses Buch definitiv unter die Haut gehen lässt und es zu einem der härtesten und herausfordernsten macht, die ich seit langem gelesen habe.
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