Kultur / Rezensionen
04.09.2025
Tod ohne Erinnerung

Sarah Nisi liest bei Mordsharz in Nordhausen
von Christian Dolle
In der Londoner U-Bahn stürzt ihre Freundin bei der Einfahrt des Zuges auf die Gleise. Obwohl Emily direkt daneben stand, kann sie sich später an nichts erinnern. Sie weiß nicht, ob es ein Unfall war oder vielleicht doch ein Mord. Ihr Gehirn hat alles verdrängt, vielleicht auch das Bild des Täters. Oder war sie vielleicht mehr als nur eine Zeugin?
„Haltlos“ von Sarah Nisi spielt mit der Amnesie der Hauptfigur und lässt sie ebenso wie die Leser die Puzzleteile dieses tragischen Augenblicks zusammensetzen. Die Autorin lebt in London, veröffentlichte 2021 ihren Debütroman „Ich will dir nah sein“ und landete damit auf der Shortlist für den „Harzer Hammer“.
Die Jury des Mordsharz-Teams beeindruckte an jenem Psychothriller das detaillierte Erzählen sowie die vielen subtilen Hinweise, die am Ende ein logisches und ebenso erschreckendes und überraschendes Bild ergaben. Einige Elemente aus dem ersten Buch finden sich auch in „Haltlos“ wieder.
So zieht Emily für ihre Nachforschungen in die Wohnung ihrer Freundin und lernt einen äußerst verdächtigen Nachbarn kennen. Sie ist sich sicher, dass er mehr über den Hergang am Unglückstag weiß. Auch die Frage, warum sie ihre Erinnerungen verdrängt, beschäftigt sie, so dass sie auch sich selbst immer wieder hinterfragen muss.
So wirft Sarah Nisi erst einmal sehr viele Fragezeichen auf, die vielerlei Möglichkeiten zulassen und letztlich auch etliche davon plausibel erscheinen lassen. Doch immer, wenn es nach einer Lösung aussieht, hat sie einen Twist parat, der bisher Sicheres infrage stellt und ganz andere Möglichkeiten aufwirft. Damit spielt die Autorin sehr gekonnt mit den Erwartungen ihrer Leser, baut eine fast schon unangenehme Spannung auf, weil nichts und niemand sicher ist.
Ihr fast schon intimer Schreibstil, der die Zerrissenheit Emilys plastisch schildert, ohne sie zum hilflosen Opfer zu machen, lässt mit dieser Protagonistin mitfiebern, auch wenn ihre eigene Rolle ebenso wie die aller anderen bis zum Schluss unklar bleibt. Damit wird das Buch zum Pageturner, der aber zwischen den Zeilen auch immer wieder nachdenklich macht.
Ohne zu spoilern sei verraten, dass das Ende es dann noch einmal in sich hat, hier laufen dann alle Fäden zusammen und es wird deutlich, warum es sich lohnt, diesen Psychothriller eben nicht haltlos, sondern sehr konzentriert und genau zu lesen. Ein wirklich starkes Buch einer Autorin, die ihren eigenen Stil gefunden hat und von der es hoffentlich noch viel mehr zu lesen geben wird.
Wenn Sarah Nisi damals auch den Harzer Hammer knapp verpasst hat, so ist sie in diesem Jahr mit „Haltlos“ beim Mordsharz-Festival zu Gast. Am Freitag, 19. September, wird sie ab 19.30 Uhr im Tabakspeicher in Nordhausen lesen.
Zuvor stellt um 18 Uhr Rolf Aderhold seinen historischen Krimi „Leibniz und der Goldrausch“ vor und ab 21 Uhr sind Volker Klüpfel und Katharina Spiering mit „Wenn Ende gut, dann alles“ zu Gast.

