Kultur / Rezensionen
28.08.2025
Der Tower packt dich und lässt dich nicht mehr gehen

Ivar Leon Menger liest bei Mordsharz in Wernigerode
von Christian Dolle
Die Wohnungssuche in Berlin ist die Pest. Umso erstaunter ist Nova, als ihr nach langer Wartezeit ein Appartment in einem der modernsten Hochhäuser der Welt direkt am Alexanderplatz zugesagt wird. Natürlich nimmt sie an und zieht sofort ein, auch wenn sie nicht weiß, was sie von der KI, die das gesamte Gebäude zum futuristischen Smarthome macht, halten soll.
„Der Tower“ ist der aktuelle Thriller von Ivar Leon Menger, der sich in den letzten Jahren mit seinen Büchern, davor mit Hörspielen, Graphic Novels und auch Filmen eine stetig wachsende Fangemeinde aufbaute. Immer wieder streift er dabei Mystery und auch Horror und so ist es auch kein Wunder, dass „Der Tower“ ziemlich böse Überraschungen bereithält und in manchen Punkten ganz eindeutig auf „Rosemary’s Baby“ (Buch von Ira Levin, Film von Roman Polanski) anspielt.
Nova als Hauptfigur weiß natürlich nichts davon, ist erst einmal ahnungslos. Erfreulicherweise wird sie aber relativ schnell misstrauisch, vor allem, als die KI beginnt, sie geradezu mütterlich zu umsorgen. Eine digitale paradiesische Utopie ist nun einmal unglaubwürdig. Ebenso verhält es sich mit naiven Frauenfiguren in moderner Literatur.
Für das Buch heißt das, dass die Geschichte ziemlich schnell Fahrt aufnimmt und immer bedrückender wird. Was letztlich hinter allem steckt, bleibt natürlich im Unklaren und bleibt es auch bis zum Ende, das dann mit einigen Plottwists aufwarten kann. Zwischendurch schickt Ivar Leon Menger seine Protagonistin durch die Hölle und malt gleichzeitig eine Zukunftsvision, die erschreckend nah an einer möglichen Realität ist.
All das tut diesem Thriller gut, denn damit unterscheidet er sich von vielem, was aktuell zu KI und den Ängsten vor ungeahnten Möglichkeiten auf dem Markt ist. „Der Tower“ ist ganz Thriller, also rasant erzählt und unglaublich spannend, ist aber auch eine Hommage an „Rosemary’s Baby“ und andere Gruselklassiker, die vor allem durch ihre beklemmende Atmosphäre überzeugen. Das gelingt hier großartig. Die KI, Kim, kann sogar als Anspielung an Supercomputer HAL aus „2001 – Odyssee im Weltraum“ verstanden werden, also eine weitere Verneigung vor großartigen Werken.
Dennoch spielt die Geschichte eindeutig im heutigen Berlin, auch diese Stimmung ist nachvollziehbar eingefangen, und das nicht nur, weil Nova von ihrem Fenster aus direkt zum Fernsehturm rübergucken kann und später auch hilflos an ihrem Fenster steht, um die Menschen dort im Drehrestaurant auf ihre aussichtslose Lage aufmerksam machen will.
„Der Tower“ ist ein Thriller, der in Erinnerung bleibt, der die Möglichkeiten aktueller und zukünftiger Technologie und digitaler Vernetzung auf ganz eigene Art hinterfragt, und der bei der nächsten Wohnungsbesichtigung möglicherweise ein wenig Misstrauen aufkommen lässt. Es ist ein extrem spannendes und dazu extrem gut geschriebenes Buch, das durchaus das Zeug hat, einmal zu einem ähnlichen Klassiker zu werden wie die Werke, die Ivar Leon Menger inspiriert haben.
Am 17. September wird Ivar Leon Menger in Wernigerode bei Mordsharz lesen. „Der Tower“ öffnet seine „Türen ohne Wiederkehr“ um 19.30 Uhr in der Remise. Vorher um 18 Uhr liest Annika Strauss aus „Nachtfahrt“. Anschließend wird dann der diesjährige „Harzer Hammer“, unser Preis für neue Krimi- und Thrillerautoren verliehen. Und um 21 Uhr in Wernigerode liest die schwedische Bestsellerautorin Frida Skybäck aus „Eisenblume“, das auch sehr vielversprechend klingt.
Diese Rezension gibt es auch auf Youtube: https://youtu.be/fElCPcVYobg?si=WSEQfV1fyuW1cnnY


