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30.05.2025

Steht das alljährliche Kranzreiten vor dem Aus?


Das Traditionsfeld der Kaltblüter auf der Zielgrade beim Kranzreiten 2024

Die Hintergründe

von Joachim Schwerthelm

Förste. Wohl selten  hat eine Nachricht für mehr Aufmerksamkeit gesorgt und gleichzeitig neue Fragen aufgeworfen, wie die Meldung über die Absage des traditionellen Kranzreitens in Förste. Lajos Pestalic, der erste Vorsitzende der Reitsportgemeinschaft Förste und Umgebung erläutert den Absagegrund:

Um weiteren Spekulationen vorzubeugen, betont Pestalic, dass in keinster Weise Schützenmeister, Schaffer oder sonstige Personen aus dem lokalen Umfeld Anlass zu der Absage gegeben haben.  Vielmehr liegt dem Absagegrund einzig und allein ein Ereignis aus dem Jahr 2023 zugrunde. Daraus resultierend stehen der Verein, eine Kranzreitteilnehmerin und der betreffende Pferdehalter im Mittelpunkt einer Zivilklage, die von einer damaligen Kranzreitbesucherin angestrengt wird. 

Aufgrund der unabwägbaren Folgen stellen die Halter derzeit keine Pferde zur Verfügung. Selbst  Reiter und Reiterinnen scheuen die Teilnahme am Kranzreiten. Deshalb ist es dem Verein in diesem Jahr nicht möglich, die Tradionsveranstaltung durchzuführen. 

Hauptattraktion des alljährlichen Ereignisses sind bekanntermaßen die Kaltblutrennen, welche stets von vierstelligen Zuschauerzahlen verfolgt werden. Das Kranzreiten geht vermutlich auf  mehrere hundert Jahre alte Wehrertüchtigungsübungen. Das Ereignis war nicht nur auf  Förste beschränkt. Denn in benachbarten Ortschaften finden der Überlieferung zufolge ebenfalls Turniere dieser Art statt.  Sogar der beim sogenannten Tollen vorgetragene Spruch ist in den anderen Ortschaften in weiten Teilen identisch.

Eine ältere Chronik aus Willensen vermerkt hierzu: 
„Ursprünglich  fand auf dem Pfingstanger, der daher auch seinen Namen hat, das Kranzreiten statt. Manchmal nahmen auch Husaren der Königlichen Hannoverschen Armee daran teil. Die berittenen Pfingstknechte gingen von Haus zu Haus und auf jedem Hof sagte der Sprecher seinen Spruch auf.:

Holle polle tolle, je wettet woll, wat ek wolle.
Hier ree ick up’n Hoff, de Kaiser un de Bischoff.
De Kaiser und de Könnig, dat leg in Pfönnig.
Sticke weise Vugefähr maket jou Nestre reine.
Hane und die Hinne seiten ouwn inne.
De Katte un de Mous leipen oum daun Faste rout.“

Holle polle tolle, ihr wisst wohl, was ich wolle (will).
Hier reite ich auf den Hof, der Kaiser und der Bischoff.
Der Kaiser und der König, das liegt in Pfönnig.
Sticke zeige Vugefähr macht eure Nester reine.
Hahn und Henne saßen oben drin.
Die Katze und die Maus laufen oben zum Dachfirste raus.
(Begriffe /Übersetzung nicht ermittelbar)

Alte Aufzeichnungen aus Eisdorf halten folgenden Ablauf fest:
„An jedem ersten Pfingsttage nach dem zweiten Gottesdienste versammelte sich das Dorf auf der Aue. Dort stellten sich vier oder fünf junge Burschen zu Pferde an der Förster Grenze auf und jagden um die Wette nach einem aufgesteckten grünen Kranze. Wer nach dem dritten Rennen zuerst ans Ziel kam, erhielt den Kranz. Am anderen Morgen ritten sie mit buntbebänderten Mützen vor jedes Haus und sangen ihr „Holle polle tolle........“ und erhielten dafür Eier oder Geld. Dieses Kranzjagen oder Wettrennen hat seit der Verkoppelung aufgehört“.

Die Verkoppelung ist ein früher Vorläufer der heutigen Flurbereinigung bei der landwirtschaftliche Flächen zu größeren Flächen zusammengelegt werden. In Eisdorf findet dieser Prozess vor ca. 150 Jahren statt. Zu jenem Zeit endet das dortige Kranzreiten. 

Einzig  in Förste ist das tradionelle Kranzreiten ein bis heute nicht wegzudenkender Bestandteil des Pfingstfestes. Es bleibt zu hoffen, dass 2025 nicht das Ende einer einzigartigen Ära eingeläutet wird. 

 

 

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