Panorama / Ausflugsziele

26.08.2017

Heimat, deine Schätze


Auf Entdeckungsreise in Thale, Quedlinburg und an der Teufelsmauer

von Christian Dolle

„Wir machen in dieser Woche mit den Kindern Urlaub in Thale auf dem Campingplatz. Wollen wir uns nicht treffen?“ Diese Mail meines Cousins und seiner Frau erreichte mich und ich musste mir eingestehen, dass ich in all den Jahren, die ich jetzt schon im Harz lebte, noch nie in Thale war. Wie das eben mit den Zielen in der näheren Umgebung so ist, da kann man ja immer noch mal hinfahren. Und dieser Status verfestigt sich dann über Jahre. Die Mail war allerdings ein guter Grund, daran etwas zu ändern.

Das Kloster Wendhusen in Thale entstand um 825 und ist damit das älteste in Sachsen-Anhalt. Es wird geprägt von einem imposanten Turm aus dem 12. Jahrhundert und hat sich der mittelalterlichen Geschichte verschrieben, die es hier in Exponaten zu sehen und insbesondere für Kinder auch zu erleben gibt. Sozusagen im Schatten des Klosters befindet sich ein idyllischer Campingplatz, der das ganze Areal zu einem äußerst familienfreundlichen Urlaubsziel macht.

Allerdings hatten die beiden Jungs – der Kleine lebt sich gerade im Kindergarten ein, der Große freut sich auf seine Einschulung – das alles bereits erkundet und konnten mir stolz erzählen, dass der Bach, auf dem sie Papierboote fahren lassen konnten, sogar noch spannender war als das Museum im Kloster.

Besser als erwartet

„Was hältst du davon, wenn wir mal nach Quedlinburg fahren“, fragte mich die Frau meines Cousins, „da waren wir nämlich auch noch nicht.“ Ich auch nicht. Und das, obwohl die Stadt zum Weltkulturerbe und zu den größten Tourismusdestinationen im Harz zählt. Kann man ja immer nochmal hin... Heute war die Zeit also reif.

Tatsächlich ist Quedlinburg ein typisches von Fachwerkhäusern geprägtes Harzstädtchen, äußerst idyllisch und ein wenig märchenhaft als sei die Zeit stehen geblieben. Ist sie im Grunde ja auch, denn die Bausünden vieler ehemals westdeutscher Städte aus den 60er und 70er Jahren fehlen hier und die gesamte Altstadt präsentiert sich historisch und vor allem nach der Wende wunderbar herausgeputzt. Fast überall altes Kopfsteinpflaster und Fachwerkfassaden aus mehreren Jahrhunderten, die den besonderen Reiz ausmachen.

Wir erobern den Schlossberg, von dem wir eine wunderbare Aussicht über die Stadt und weite Teile des Harzvorlandes haben. „Früher sind wir ja nach Südfrankreich oder noch weiter gefahren“, erzählt mein Cousin, der in der Nähe von Stuttgart wohnt, „aber mit den Kindern waren wir letztes Jahr im Schwarzwald und dieses Jahr eben hier. Ich hätte nie gedacht, wie viel der Harz eigentlich zu bieten hat.“ Seine Frau, die in Göttingen studiert hat, fügt noch hinzu, dass sie ihren doch eher langweiligen Eindruck vom Harz, der sich früher bei ihr festsetzte, gerade revidieren muss. Den Domschatz in der Stiftskirche St. Servatius lassen wir dann aber angesichts des guten Wetters links liegen. Kann man ja immer noch mal...

So viel zu entdecken

Durch kleine, enge Gassen führt unser Weg dann zum Marktplatz, wo die Kinder sich ein dickes Eis verdient haben und wir den malerischen Blick aufs historische Rathaus aus dem 14. Jahrhundert mit dem Roland, der zu den ältesten seiner Art gehört, genießen. „Es gibt hier echt viel zu sehen und wir könnten ohne weiteres noch eine Woche länger bleiben“, stellen mein Cousin und seine Frau wieder fest, „allerdings erfährt man vieles erst zufällig nebenbei.“ Ja, die gemeinsame und länderübergreifende Vermarktung ist nicht unbedingt die größte Stärke hier, räume ich ein.

„Ach früher in Göttingen habe ich mal mitbekommen, dass es im Harz den Brocken und den Wurmberg und vielleicht noch Torfhaus gibt, aber viel mehr dann ehrlich gesagt auch nicht“, vertieft sie das Thema und wundert sich. Im Schwarzwald hätten sie im vergangenen Jahr andere Erfahrungen gemacht, doch der erstreckt sich nun einmal nicht über drei Bundesländer. Trotzdem dürfe das keine Ausrede für unzureichende Vermarktung sein, denn den Touristen im Harz ist es herzlich egal, ob sie sich gerade in Sachsen-Anhalt, Niedersachsen oder Thüringen befinden. Wenn es nur darum geht, dem Nachbarn nicht größeren Erfolg zu gönnen als der Region um den eigenen Kirchturm, dann wirkt sich das auf alle negativ aus.

Versteckt am Wegesrand

Zum Abschluss des Tages liegt noch das Hamburger Wappen der Teufelsmauer auf dem Weg. Genaugenommen liegt es allerdings nicht auf dem Weg, sondern eher ziemlich versteckt daneben. Die beeindruckende Felsformation ist durchaus als spektakulär zu beschreiben, doch wer nicht weiß, was ihn erwartet, wird durch die spärliche Ausschilderung nicht eben neugierig gemacht. Auch hier zeigt sich das Problem, das der Harz ganz offensichtlich hat. Es gibt viel zu entdecken, gerade in den letzten Jahren hat sich unglaublich viel getan, doch die touristische Vermarktung bleibt weit hinter ihren Möglichkeiten zurück.

Vielleicht hat es auch Vorteile, wenn ein Naturdenkmal wie die Teufelsmauer nicht vollkommen überlaufen ist, das auf jeden Fall. Doch wenn der Harz einerseits als Tourismusdestination nach vorne kommen will, sich aber andererseits in Kirchturmdenken verzettelt und sich versteckt, dann sind die Probleme hausgemacht und das phlegmatische „Kann man ja immer noch mal hin“ wird verhängnisvoll.


Kloster Wendhusen



Marktplatz Quedlinburg


Hamburger Wappen

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