Kultur

18.09.2022

Unterschiedlichste Aspekte des Krimigenres


Leona Deakin, Julia Nachtmann, Horst Eckert und  Zoë Beck lasen bei Mordsharz in Nordhausen

von Christian Dolle

Ein Ball auf einer Militärbasis. Plötzlich explodiert eine Bombe. Captain Harry Petersen überlebt zwar, verliert aber seine Erinnerung an die vergangenen vier Jahre. So beginnt der Thriller „Lost“ von Leona Deakin. Beim Mordsharz-Festival im Tabakspeicher in Nordhausen wurde dieses erste Kapitel gleich doppelt gelesen. Einmal von der Autorin selbst auf englisch und einmal von ihrer deutschen Stimme Julia Nachtmann auf deutsch. 

Den Fortgang der Geschichte, also die Ermittlungen einer Profilerin und ihres Partners las Julia Nachtmann dann ausschließlich auf deutsch. „Amazing“ nannte Leona Deakin die Erfahrung, ihre Figuren in der Übersetzung zu hören, jedoch so, wie sie sie sich vorgestellt hätte, wenn sie deutsch sprechen würden. Amazing war es in der Tat, wie die Schauspielerin und Hörbuchsprecherin ihnen Leben einhauchte und das Publikum nach und nach in den Bann dieser Story über einen äußerst verzwickten Fall und eine mysteriöse Psychopathin, die später noch eine wichtige Rolle spielen wird, zog. 

In der zweiten Lesung des Tages ging es um Wirecard. Zwar heißt das Finanzdienstleistungsunternehmen in „Das Jahr der Gier“ von Horst Eckert Worldcard, doch er machte sehr deutlich, dass der Plot seines Romans natürlich auf realen Gegebenheiten basiert. Die Geschichte als solche jedoch ist zwar an Fakten orientiert, spielt aber im Grunde mit Möglichkeiten und schildert die Antworten des Autors und ehemaligen Fernsehjournalisten auf offene Fragen in diesem Skandal.

Das sei überhaupt das Schöne an Literatur, sagte er, es gibt Klarheit, wo die Realität oft nebulös bleibt. Die schiere Dimension des Betruges habe ihn zu diesem Politthriller gereizt, die Details, auf die er bei seiner Recherche stieß und natürlich auch der politische Aspekt. Außerdem bewies Horst Eckert, dass selbst Verwicklungen in der Finanzwelt im Buch nicht trocken und anstrengend sein müssen, denn sein Schreibstil und seine Figuren lassen nicht nur mitfiebern, sondern sorgen durchaus auch für zwischenmenschliche Aspekte im Kontrast zum brisanten Thema. 

Auf den ersten Blick ist die Welt, die Zoë Beck in „Paradise City“ entwirft, deutlich weiter von der Realität entfernt. Aber eben auch nur auf den ersten Blick. Es ist eine zukünftige Welt, in der der Klimawandel das Zusammenleben der Menschheit zwingt, sich neu zu sortieren, und in der dies dazu führt, dass unter anderem die Gesundheit einer und eines jeden von oben bestens geschützt oder eben überwacht wird. 

Es ist im Grunde eine konsequente Ausformulierung ihrer Ängste, machte die Autorin deutlich, es geht um einen Staat, der sich sehr um seine Bürger*innen sorgt, um beruhigende Sicherheit und letztlich auch um die Frage, ob dies immer mit der Wahrheit vereinbar ist.  Zoë Beck bezeichnet „Paradise City“ schlicht als „Buch“, den es ist Krimi, Thiller, Science Fiction, Utopie, Dystopie und, wie sie im Interview voller Stolz betonte, auch Liebesgeschichte, auch wenn der Geliebte leider im Koma liegt. 

Auch an diesem dritten Tag waren alle drei Lesungen gut besucht, viele Gäste haben sich auf das Konzept Festival eingelassen und nehmen Mordsharz zum Anlass, um an vier Tagen durch die drei Bundesländer des Harz zu reisen und spannende Literatur mit Besuchen an sehenswerten Orten zu verbinden. Dazu gibt es auch am letzten Festivaltag noch einmal Gelegenheit, wenn das Kloster Walkenried zum „Tatort“ wird. 


Horst Eckert

Julia Nachtmann und Leona Deakin

Leona Deakin

Zoë Beck

 

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