Kultur / Vorgemerkt

03.08.2022

Blinder Protagonist, Lesung in Dunkelheit


Christine Brand liest bei Mordsharz aus „Der Unbekannte“

...von Christian Dolle

Eine heimliche Affäre, heißer Sex, plötzlich ein Herzinfarkt und ein Toter liegt in ihrem Bett. Die Leiche muss weg, niemand darf etwas erfahren, denn ihr Liebhaber war ein hochrangiger Politiker und die Geschichte würde mehr als nur Staub aufwirbeln. Tut sie dann natürlich auch.
Christine Brands neuer Kriminalroman „Der Unbekannte“ beginnt mit dieser Szene, die im Genre nicht unbedingt neu ist und aus der sich im Grunde alles machen lässt, von der schrillen Komödie bis hin zum Erotikthriller. Wohin sich ihre Geschichte entwickelt, genau das lässt die Autorin allerdings lange offen, präsentiert immer wieder Überraschungen und neue Wendungen und die so glaubwürdig und im Nachhinein logisch, dass ihr Buch zum absoluten Pageturner wird.

Schon einmal war Christine Brand beim Mordsharz-Festival zu Gast, 2019 in Herzberg, damals stellte sie sich und ihren Roman „Blind“ vor. Sie selbst ist Schweizerin, hat dort viele Jahre Erfahrungen als Gerichtsreporterin gesammelt und weiß somit, worüber sie schreibt. Mit „Blind“ schuf sie die Figur des Nathaniel, ein blinder Protagonist, und ihr Ermittlerduo Milla und Sandro, eine Reporterin und ein Polizist. 
Die Reihe wurde äußerst erfolgreich, was vielleicht auch an den Lesungen von Christine Brand liegt. Im Welfenschloss in Herzberg, bat sie die Mordsharz-Zuhörer damals, eine Schlafbrille aufzusetzen und zumindest die ersten Kapitel ihrer Lesung in völliger Dunkelheit mitzuerleben. Eine ungewöhnliche und eindringliche Erfahrung, die aber vor allem deshalb funktioniert, da sie ihren Nathaniel in so vielen alltäglichen Kleinigkeiten äußerst plastisch und für Sehende durchaus aufschlussreich und manchmal überraschend zeichnet. 

In diesem Krimi forscht Nathaniel nach der eigenen Vergangenheit, nach seinem Vater, der damals angeblich seine komplette Familie tötete und auch Schuld an der Blindheit seines Sohnes ist. Doch stimmt die Geschichte, die dem damals elfjährigen Jungen immer wieder erzählt wurde? Im Zuge seiner Nachforschungen stößt er auf eine Gruppe linker Terroristen und muss feststellen, dass sie mit seiner Vergangenheit zu tun haben. 

Geschickt verwebt Christine Brand diesen Handlungsstrang mit dem eingangs geschilderten und bald schon entwickelt sich ein Politthriller, der vieles ans Licht bringt, was für immer verborgen bleiben sollte. Das Besondere dabei ist, dass es der Autorin mühelos gelingt, auf der einen Seite gesellschaftliche Vergangenheit spannend aufzurollen, sie auf der anderen Seite aber auch durchaus Humor beweist und sie eine Geschichte erzählt, die emotional berührt. Der Schlüssel dazu sind ihre Figuren, die in vielen Facetten lebendig gezeichnet sind, nie nur da sind, um die Handlung voranzutreiben, sondern in all ihren Handlungen mitfiebern lassen. 

So wird „Der Unbekannte“ zu einem Buch, das so gar nicht in eine allzu enge Schublade passen will, ist von Anfang bis Ende unfassbar spannend und bietet dabei doch immer wieder Momente, in denen es sich lohnt, innezuhalten und über das Erzählte nachzudenken. Vor allem in Erinnerung bleibt der Roman natürlich wegen seiner blinden Hauptfigur, denn davon gibt es in der Literatur und insbesondere im Krimi nicht so viele. 

Genau dieser Punkt wird wohl auch bei Christine Brands Lesung am Donnerstag, 15. September, um 21 Uhr in der Kaiserpfalz in Goslar eine große Rolle spielen. Diese findet nämlich in (nahezu) vollständiger Dunkelheit statt, die Autorin hat das LightsOutOrchestra an ihrer Seite und auch das Mordsharz-Team ist gespannt auf ein Event, das es so beim Festival noch nicht gab. 

Hochkarätig ist auch das weitere Programm in Goslar, denn ab 18 Uhr wird der Finne Antti Tuomainen gemeinsam mit seiner deutschen Stimme Peter „Loki“ Lontzek aus seinem neuen Buch „Das Elch Paradoxon“ lesen und ab 19.30 Uhr der Däne Jens Henrik Jensen gemeinsam mit Dietmar Wunder aus „Oxen. Noctis“.


 

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