Panorama

14.06.2022

Das 9 €-Ticket - Ein Selbstversuch, der Spaß machte


von Ralf Gießler

Es ist fast immer dasselbe Spielchen, nicht nur in der Politik: Liegt ein Vorschlag für ein Thema auf dem Tisch, gibt es auf der einen Seite breite Zustimmung, auf der anderen Seite treten die "Chefbedenkenträger" auf den Plan und äußern daran Kritik. So natürlich auch bei dem 9 €-Ticket, welches seit Anfang Juni für drei Monate erhältlich ist. 

Es ist wie der Tankrabatt für Autofahrer Teil eines befristeten Entlastungspakets und ermöglicht Bürgerinnen und Bürgern beliebig viele Fahrten deutschlandweit im Personennahverkehr des jeweils ausgewählten Monats. Die einen feiern es schon jetzt als großen Erfolg und zukunftsweisendes Modell, um mehr Menschen für Bahn oder Bus zu begeistern. Andere wiederum sehen das Projekt als Steuerverschwendung ohne nachhaltige Wirkung an.

Grund genug daher, sich einmal selbst ein eigenes Urteil zu bilden, und an einem Wochenende das Ticket dem persönlichen Praxistest zu unterziehen. Los ging es mit dem Kauf. Im örtlichen Reisebüro sollte das 9 €-Ticket ganze 12 Euro kosten. Okay, die Verwaltungsarbeit will bezahlt sein, mir erschien der Aufschlag aber dennoch als zu hoch bemessen. Also hin zum nächsten Bahnautomat, wo ich sehr einfach und unkompliziert den Fahrschein erwerben konnte: Monat auswählen, EC-Karte reinschieben und bezahlen, Ticket entnehmen - fertig. Ich musste auch nicht großartig suchen, denn der Fahrschein meiner Wahl wurde gleich an erster Stelle ganz oben angezeigt.

Mittels DB-App informierte ich mich nun über die Zugverbindungen am vergangenen Samstag nach Hannover. Weil wenn schon Praxistest, dann natürlich, wenn es vermutlich voll in den Zügen sein wird. Praktischerweise zeigte mir die App die entsprechenden Möglichkeiten, bei denen auch das 9 €-Ticket nutzbar war, deutlich an - prima. Dass am besagten Wochenende auch der Niedersachsentag in der Landeshauptstadt gefeiert wurde, machte es besonders reizvoll. Ich war gespannt, ob ich überhaupt einen Sitzplatz bekommen würde.

Da ich tags zuvor zufällig einen Fernsehbericht über abgewiesene Bahnfahrgäste aufgrund ausgelasteter Züge sah, entschloss ich mich, meine kleine Reise erst ab Northeim und nicht schon ab Katlenburg anzutreten. Wäre der Zug ab Northeim nämlich zu voll gewesen, hätte ich mein Auto vor Ort gehabt, um zunächst wieder nach meinem Dorster Zuhause zu fahren, um dort die zweistündige Wartezeit auf den nächsten Zug abzusitzen. Wäre ich ab Katlenburg gefahren, hätte ich die Zeit nämlich auf dem Northeimer Bahnhof "totschlagen" müssen, und das wollte ich bei dem sonnigen Wetter nicht.

Am Bahnsteig angekommen, stellte ich fest, dass ich offensichtlich nicht der einzige Mensch war, der sich als Ziel Hannover ausgesucht hatte. Diejenigen, die ihr Fahrrad mitnehmen wollten, hatten leider Pech: Für meinen Zug war die Mitnahme von "Drahteseln" wegen sehr hoher Auslastung bis einschließlich Sonntag nicht möglich. Als schließlich der Zug pünktlich einfuhr, ergatterte ich tatsächlich einen der wenigen noch freien Sitzplätze. In Hannover angekommen, platzte der Hauptbahnhof fast aus den Nähten. Reisende, wohin man schaute. Alle, die ich fragte, waren mit dem 9 €-Ticket unterwegs, um sich hier einen schönen Tag zu machen. Auch die Innenstadt war rappelvoll, Restaurants sowie Cafés ebenso, und die Gastwirte strahlten mit der Sonne um die Wette.

Nach einigen schönen und kurzweiligen Stunden, unter anderem in der Patisserie "Efendi Bey", trat ich am frühen Abend die Rückfahrt an. Der Hauptbahnhof war noch immer sehr, sehr voll, und es brauchte Zeit, um sich seinen Weg durch die Menschenmassen zu bahnen. Die Sitzplatzsituation im Zug war jedoch deutlich entspannter als auf der Hinfahrt. Apropos entspannt: Trotz des enormen Andrangs sah ich nur fröhliche Leute. Die gute Stimmung schien auch dem Zugführer nicht entgangen zu sein. Die sonst eher trockenen Informationen und Durchsagen brachte er stets locker rüber: "Und jetzt nur noch eine Kurve, und dann fahren wir schon wieder in den schönen Bahnhof von Nordstemmen ein."

Mein Fazit: Der Kauf eines 9 €-Tickets ist sehr einfach und niederschwellig gehalten, man könnte auch etwas despektierlich sagen, er ist idiotensicher. Das Suchen nach dem günstigsten Preis entfällt zudem, was wiederum Zeit spart, spontanes Reisen wird gefördert. Mir hat es jedenfalls Spaß gemacht, und es war ganz sicher nicht meine letzte kleine Reise dieser Art. Das eingesparte Geld kann man zum Beispiel für andere schöne Dinge, wie einen Restaurantbesuch, verwenden.

Ich wäre auch nach Ablauf der drei Monate gerne bereit, mehr Geld für ein ähnliches Ticketangebot zu bezahlen. Und wenn ich dann noch am Wochenende von Dorste aus mit dem Bus zum Abfahrbahnhof fahren könnte, wäre das doppelt toll! Denn das geht bislang nicht, in Dörfern wie beispielsweise Dorste fahren an Wochenenden oder Feiertagen leider keine Busse.

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