Panorama

12.05.2022

Die Letzten werden die Ersten sein


Karla Böhlendorf beim Niedersächsischen Landesentscheid des Vorlesewettbewerbs

von Christian Dolle

Zuerst setzte sie sich gegen die Mitschüler ihrer sechsten Klasse durch, dann vertrat sie die  Kooperativen Gesamtschule Bad Lauterberg beim Kreisentscheid, am gestrigen Mittwoch nahm die Osteroderin Karla Böhlendorf beim Niedersächsischen Landesentscheid des Vorlesewettbewerbs in Lüneburg teil.

Jährlich nehmen etwa 600 000 Schülerinnen und Schüler an diesem vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels veranstalteten Wettbewerb teil. Sie treten mit einem selbst ausgewählten und einem fremden Text gegeneinander an, gewinnen soll die- oder derjenige, die nicht nur möglichst fehlerfrei, sondern vor allem betont, mit dem richtigen Timing, einem Gespür für die Atmosphäre der Geschichte liest, also so, dass andere eben gerne zuhören. Ziel ist natürlich die Leseförderung, doch es ist eben auch einer der größten bundesweiten Wettbewerbe für Schüler. 

Vor ihrem großen Tag in Lüneburg war Karla natürlich aufgeregt, doch auch gut vorbereitet und dabei sein ist alles, was konnte also schon schief gehen, sagte sie sich. So einiges. Zum Beispiel könnte es auf der Autobahn einen Stau geben, weil ein Baustellenfahrzeug einen Lkw rammt, plötzlich gar nichts mehr geht und plötzlich eine Vollsperrung gibt. Blöd, wenn man dort dann genau in der Baustelle steht und es keinen Ausweg gibt. 

Skurrile Anreise

Im Nachhinein hätte Karla beim Wettbewerb vielleicht genau diese Geschichte erzählen sollen, geglaubt hätte sie ihr vermutlich niemand. Jene Geschichte nämlich, dass sie zusammen mit ihrer Mutter, ihrer Schwester und ihrer Lehrerin, die alle mit von der Partie waren, schließlich aus dem Auto ausstiegen, die Böschung hochkletterten und nach einem Weg zum nächsten Ort suchten. Und auch jene Geschichte, dass ihr Vater, der als Fahrer natürlich beim Auto bleiben musste, einen guten Freund anrief, der von Osterode aus nach Hildesheim fuhr, um die vier Ladys abzuholen. 

Weiterhin hätte sie erzählt, dass sich die Vollsperrung natürlich inzwischen vor allem unter Lkw-Fahrern herumgesprochen hatte und dementsprechend auch die Abfahrt Hildesheim verstopft war, so dass der Freund ebenfalls nur stockend vorankam. Dafür aber erreichten Karla und ihre Begleiterinnen den nächsten Ort, es wurde immer wieder hin und her telefoniert, inzwischen wurde auf der Autobahn dafür gesorgt, dass einige Betonpoller beiseite geräumt wurden und der Verkehr nach und nach abfließen konnte. 

Nach gefühlten Ewigkeiten trafen sich alle schließlich in Klein Förste bei Hildesheim, fuhren dann mit zwei Autos weiter bis Lüneburg, wo Karla schließlich gerade in den Saal platzte als ihre neun Konkurrenten mit ihrem selbstgewählten Text fertig waren. „Okay, trink einen Schluck, dann bist du dran“, hieß es und für Karla damit „Augen zu und durch“. 

Das Publikum fesseln

Es gehört für eine Sechstklässlerin schon eine ziemliche Coolness dazu, das nach solch einer Anreise eiskalt durchzuziehen, das soll an dieser Stelle einmal ganz deutlich gesagt werden. Auch erwähnt werden muss, wie stark auch die anderen waren, wie gut alle Jugendlichen vorlesen und nicht nur die Jury, sondern auch das gar nicht mal so kleine Publikum fesselten. 

Es folgte die zweite Runde mit dem unbekannten Text, dann zog sich die Jury zur Beratung zurück. Währenddessen umringten die anderen Teilnehmer Karla, wollten ihre Geschichte hören, warum sie buchstäblich auf den letzten Drücker angekommen war. Sie erzählte von ihrer Odyssee und dann auch ziemlich bewegt von den Plakaten, die ihre Klasse ihr zur Unterstützung gemalt hatte. Von Konkurrenzkampf war in dieser Pause jedenfalls nichts zu spüren, vielmehr waren sich alle einig, dass allein die Teilnahme an einem Landesentscheid schon eine große Sache ist. 

Dann endlich kehrte die Jury zurück und die Vorjahressiegerin durfte die diesjährige Gewinnerin verkünden: Karla! Die war sichtlich gerührt, durfte ihre Urkunde im Empfang nehmen, musste sogar noch ein Fernsehinterview geben und wird nun Niedersachsen beim Bundesfinale des Vorlesewettbewerbs am 21. Juni in Berlin vertreten. 


Alle Teilnehmer*innen und die Jury

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