Kultur / Rezensionen

21.05.2021

Epische Horrorgeschichte


„Cthulhus Ruf“ von H. P. Lovecraft und François Baranger

von Christian Dolle

Cthulhu ist Kult. Ja sicher, in der Kurzgeschichte von H. P. Lovecraft geht es schließlich um den Kult um jenes seltsame Wesen. Doch auch die Erzählung selbst ist heute Kult, sie wurde – auch gerade in den letzten Jahren wieder – so häufig als Grundlage für andere Literatur, Romane bis Graphic Novels, für Filme, für Musik, für Videospiele genutzt, so dass wohl kaum jemand, der sich für Horror interessiert, dem riesigen im Meer hausenden Wesen mit Tentakeln im Gesicht noch nicht auf die eine oder andere Weise über den Weg gelaufen ist.

Die Originalgeschichte „Cthulhus Ruf“ hat hingegen kaum jemand gelesen, ist sie ja durch die Sprache von 1928 weit weniger zugänglich als manches, was darauf basiert und zudem auch seinerzeit nicht einmal eines der Hauptwerke von Howard Phillips Lovecraft. Sie erschien zunächst in einem Pulp Magazine, später dann in einer Sammlung, richtig populär wurde sie eigentlich erst nach dem Tod des Autors. 

Wer sie dennoch einmal lesen möchte, dem sei eine aktuelle Veröffentlichung empfohlen, nämlich jene von François Baranger illustrierte. Der französische Künstler arbeitete an Filmen wie „Die Schöne und das Biest“ oder „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ als Konzeptkünstler mit sowie an Spielen wie „Heavy Rain“ oder „Beyond: Two Souls“ und schreibt auch selbst Science Fiction-Romane und Thriller.

Mysteriöse Dokumente aus dem Nachlass

 Doch erst noch einmal zur Story. Die nämlich setzt sich im Grunde aus Dokumenten zusammen, die  Francis Thurston im Nachlass seines verstorbenen Großonkels findet, zusammen mit einigen fr ihn nicht zuzuordnenden, seltsamen Artefakten. Während er liest, erfährt er immer mehr über einen mysteriösen Kult, der sich um ein Wesen dreht, das Cthulhu genannt wird und in einer versunkenen Stadt im Meer leben soll. 

Die Kreatur wird als riesig, nicht von dieser Welt mit einem tintenfischartigen Kopf beschrieben, was Thurston stutzig macht, sind einerseits die verschiedenen glaubwürdigen Quellen, sowie auch die Berichte aus mehreren Teilen der Welt, die sich aber im Grunde immer mehr zu einem Bild zusammenfügen. Ein Bild, das immer schrecklicher, größer und unfassbarer wird und dadurch, dass viele, die Cthulhu näher kamen, später wahnsinnig wurden, nicht eben beruhigender. 

Alles gipfelt in Aufzeichnungen über eine Schiffsreise, deren einziger Überlebender von einer Begegnung mit Cthulhu auf offenem Meer berichtet, die Thurston für glaubwürdig hält und daher auch überzeugt ist, dass das Wesen noch irgendwo dort draußen ist, jederzeit wieder auftauchen und die Welt in Angst und Schrecken versetzen kann.

Episch illustrierte Geschichte

Es ist eine Geschichte, die sich durchaus als episch beschreiben lässt und genau diesen Eindruck verstärkt Baranger mit seinen eindrucksvollen Gemälden. Die nämlich sind absolut atmosphärisch und greifen einzelne Aspekte auf, ohne den Drang zu haben, alles bildlich darzustellen, sie sind detailliert genug, um in die Situation hineinzuziehen, lassen aber immer wieder auch Raum für Fantasie und schaffen es, Lovecrafts Erzählung noch größer zu machen als sie ohnehin schon ist. 

Dazu trägt letztlich auch die enorme Größe dieses Buches bei (es passt bei mir tatsächlich nicht in den Bücherschrank), wodurch die Illustrationen voll zur Geltung kommen. Also darf an dieser Stelle auch einmal der Verlag gelobt werden, Heyne hat hier wirklich alles richtig gemacht, um ein haptisches Gesamtkunstwerk  zu veröffentlichen, das deutlich macht, warum Bücher sich nun einmal auch heute nicht immer durch digitale Medien ersetzen lassen. 

Diese Rezension gibt es auch als Video auf Youtube:

Literaturwissenschaftlich ist es meiner Meinung nach aber bei den Werken Lovecrafts heute auch immer nötig, einen Blick auf den Rassismus zu werfen, der dem Autor nicht nur nachgesagt wird, sondern den er in etlichen Schriften absolut deutlich machte. Auch in Cthulhus Ruf sind es immer wieder primitive Völker, die dem Kult verfallen, während die Weißen das Wesen als Bedrohung erkennen, als einzige in der Lage sind, es in irgendeiner Weise zu erforschen und auch nur sie ihm natürlich entkommen können. Das ist keine Überinterpretation aus heutigem Zeitgeist heraus, sondern stößt beim Lesen des Originaltextes eben immer wieder auf und muss bei der Rezeption eben mit bedacht werden. 

Was bedeutet das nun? Darf ich die Erzählung und den Kult um Cthulhu trotzdem mögen? Oder muss ich Lovecrafts Werke nun aus ideologischen Gründen kategorisch ablehnen? Ups, plötzlich haben wir ein sehr ernstes Thema, es geht nicht mehr nur um eine toll illustrierte fantastische Geschichte. Doch, geht es meiner Meinung nach schon. Natürlich war Lovecraft Rassist, das sollte nicht vergessen werden, lässt sich ja wie gesagt auch nicht übersehen. Ebenso wie zum Beispiel auch Kipling, dessen Dschungelbuch ich aber dennoch über alles liebe. 

Werk und Autor trennen

Die Autoren sind nun einmal auch Kind ihrer Zeit, auch wenn das nicht alles entschuldigt, ihre Werke sind von ihrem Denken, ihrer Haltung geprägt. So wie jede Form der Kunst. In der Literaturwissenschaft lernt man aber auch, das Werk vom Autor zu trennen, da es sonst letztlich überhaupt nicht mehr möglich ist, ein Werk zu betrachten, ohne bis ins Kleinste über seinen Schöpfer zu forschen. 

Im Falle von Lovecrafts Cthulhu bleibt dann eine faszinierende, ausgefeilte fantastische Horrorgeschichte um die großen Alten, das Buch Necronomicon und so vieles mehr, ohne die unsere Kultur um all diese Ideen ärmer wäre. Das macht den Rassismus des Autors keinen Deut besser, sein Werk aber meiner Meinung nach eben auch nicht schlechter. Wenn wir alles aus unserem kollektiven kulturellen Bewusstsein streichen würden, das irgendwie auch fragwürdige Aspekte enthält oder auf Haltungen schließen lässt, die wir ablehnen, dann bleibt am Ende einfach nicht mehr viel übrig. 

Andere mögen das anders sehen als ich, im Grunde bin ich sogar sehr gespannt, wie ihr darüber denkt. Also schreibt es doch in die Kommentare, das ist nämlich eine Diskussion, die wirklich vielschichtig sein kann.  

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