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17.04.2021

Der Hammensen und das vergessene Dorf


Blick vom Hammensen auf Teichhütte und auf den Harz

Der Heimatchronist Bodo Biegling berichtet über den Berg mit vielen Namen und einer alten Dorfwüstung

...von Herma Niemann

Mit der erfolgreichen Stempeljagd-Aktion für Jung und Alt hatte die Jugend der DLRG Ortsgruppe Westharz die Einwohner aus Gittelde mit viel Erfolg dazu aufgerufen, an zwölf markanten Plätzen in Gittelde und Umgebung hinterlegte Wanderstempel zu suchen. Etwas schwierig soll sich die Suche des Wanderstempels bei einigen Teilnehmern am Hammenser Berg gestaltet haben, und führte zu der Frage, ob die gesuchte Bank mit dem Stempelkasten „Auf dem Hammensen“ oder „Über dem Gehrschen Busche“ stehe.

Der Gittelder Heimatchronist Bodo Biegling hat diese Suche zum Anlass genommen und über den ortsnahen Berg und die Wüstung Hammensen interessante historische Einblicke zusammengestellt. In einem Gespräch mit unserer Zeitung berichtet Biegling, dass der Hammensen oder der Hammenser Berg, ein kleiner Höhenzug im Dreieck zwischen Gittelde, Teichhütte und Willensen ist. Die Bewohner aus Willensen wiederum nennen ihn den Metjenberg. Die beiden höchsten Berge sind im Osten die Erhebungen „Auf dem Hammensen“ und „Über dem Gehrschen Busche“, wie Bodo Biegling sagt. Der Wanderstempel war im Übrigen „Über dem Gehrschen Busche“ zu finden. Beide Erhebungen haben eine Höhe von 286 Meter über NN. Im Westen wird dieser Höhenzug von den 315 Meter hohen Erhebungen „Feldbüschen Berg“ und „Rehkopfs Berg“ begrenzt.

Die Hochebene des Hammensen gehört vorwiegend zur Gemarkung Willensen, bestehend aus den Fluren Obere, Mittlere und Untere Hammensche Flage. Wie Biegling erklärt, bedeutet Flage Fleck oder Stelle. Entlang der beiden alten Grenzwege „Schnittweg“ und „Scheideweg“ verlaufe hier die alte Landesgrenze zwischen dem ehemaligen Herzogtum Braunschweig und dem Königreich Hannover, markiert durch einige noch vorhandene große und kleine Grenzsteine mit den entsprechenden Landesbuchstaben „HB“ für Herzogtum Braunschweig beziehungsweise „KH“ für das Königreich Hannover. Besonders interessant sei jedoch der untere Teil dieser Hochebene, der zur Gemarkung Willensen gehört. Hier befindet sich die Wüstung Hammensen - eine alte Dorfstelle, die in historischen Unterlagen auch Hammenhusen oder Hammosen genannt wird, und die vor unbekannten Zeiten aufgegeben wurde. „Die Siedlung ist zwar verschwunden, der alte Dorfname und die dazu gehörigen Flure blieben jedoch bis in die Neuzeit in verschiedenen Flurbezeichnungen bestehen“, so Biegling. Eine Wüstung ist ein aufgegebenes Dorf beziehungsweise eine Siedlung, die von ihren Bewohnern verlassen wurde. Die Aufgabe des Dorfes habe verschiedene Gründe haben können. Es waren nicht nur die ständigen Kriege und regionalen Fehden, unter denen die Bevölkerung arg leiden musste und zum Verlassen und Aufgabe ihrer Dörfer bewegte.

Andere Gründe seien rückläufige Einwohnerzahlen durch Seuchen, Hungersnöte und Landflucht, geringe Ackererträge, Wasserknappheit oder Klimaschwankungen, wie zum Beispiel die Kleine Eiszeit, gewesen. Die Kleine Eiszeit war eine Periode relativ kühlen Klimas von Anfang des 15. Jahrhunderts bis in das 19. Jahrhundert hinein. Sie war regional und zeitlich unterschiedlich stark ausgeprägt. Nur während eines Kernzeitraums, vom Ende des 16. Jahrhunderts bis in das letzte Drittel des 17. Jahrhunderts, lässt sich global eine kühlere Phase ausmachen. Als Grund für die Aufgabe des Dorfes kam noch der ständige Druck durch die Lehns- oder Grundherren zur Zahlung hoher Abgaben, wie Ackerzins und den Zehnten, hinzu. Da solche Ereignisse zum normalen Leben der damaligen Bevölkerung gehörten, wurde die Aufgabe von Siedlungen gar nicht oder nur selten urkundlich festgehalten, erzählt Biegling weiter. Viele Dorfereignisse hätten den Nachfahren so nicht überliefert werden können. Besonders in der zweiten Hälfte des Mittelalters sind der Heimatforschung nach in dieser Region auffallend viele Dörfer wüst gefallen.

In unmittelbarer Nachbarschaft sind die bekanntesten Wüstungen, zum Beispiel Immedeshausen bei Münchehof und Möltingerode bei Osterode. Von der ehemaligen Dorfstelle Hammensen sei leider wenig bekannt. In den wenigen bekannten Urkunden aus der Zeit von 1258 bis 1759 in denen der Ort genannt wird, geht es vorwiegend um Übertragung, Änderung oder Vererbung von Besitz- und Lehnsverhältnissen oder um Abtretung oder Verzicht der Zehntansprüche an den Ort Hammensen. „Als beteiligte Personen werden Heinrich von Gittelde und Basilius von Windhausen genannt, erklärt Biegling. Aber auch die einflussreichen Adligen von Oldershausen und das Zisterzienserkloster Osterode mit großen Besitztümern in der Umgebung werden in diesen Urkunden genannt und hatten zeitweise Ansprüche an dem Ort“. Die in der Region vorherrschende Meinung, dass das Dorf Hammensen während der Hildesheimer Stiftsfehde (1519) oder im Dreißigjährigen Krieg (1618 – 1648) nach verheerenden Überfällen und Verwüstungen aufgegeben wurde sei sehr vage, da kriegerische Auseinandersetzungen nur selten die Gründe für die Aufgabe einer Siedlung gewesen seien. Es dürfte wohl eher einer der oben genannten Ursachen gewesen sein, die die Bewohner bewogen oder zwangen, den Ort aufzugeben und mit ihren wenigen Habseligkeiten nach Gittelde oder Willensen umzusiedeln, so der Heimatchronist. Im Bereich der Wüstung Hammensen werden heute noch Keramikscherben und Hüttenlehm gefunden, und bei Gelände- und Ackerarbeiten ist man auf Grundmauerreste gestoßen, die jedoch zeitlich nicht einzuordnen sind.

Außerdem soll es nach alten mündlichen Überlieferungen in unmittelbarer Nähe der Wüstung einen eingefassten Brunnen gegeben haben, der jedoch nach Drainagearbeiten trockengefallen ist. Die volkstümliche Aussage: „Da zogen die Einwohner dahin, wo Willensen jetzt liegt, denn sie waren willens hier zu wohnen“, sei geschichtlich und zeitlich nicht einzuordnen. Der Heimatchronist Biegling empfiehlt, den Hammenser Berg einmal an einem späten Nachmittag zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu erkunden. „Mit der Sonne im Rücken hat man einen wunderbaren Blick in das Sösetal und über Osterode. Außerdem überblickt man den gesamten westlichen Vorharz vom Kalksteinbruch Winterberg, über den Bauersberg zum Höhenzug ´Auf dem Acker´, und der Kenner entdeckt den Turm der Hanskühnenburg am Horizont“, schwärmt Biegling.


Die Bank mit dem Stempelkasten der DLRG auf der Anhöhe „Über dem Gehrschen Busche"

Fundstücke von der Wüstung Hammensen

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Blick auf die Hochebene „Die Hammenschen Flagen" in der Gemarkung Willensen/Hammensen

Historische Grenzsteine in der Gemarkung Willensen/Hammensen am Engelschen Winkel und am Oberberg

 

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