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06.03.2021

Die unendliche „Schrotthaus-Geschichte“


Einst war das sogenannte „Von-der-Ehe-Haus“ eine gut gehende Gaststätte, jetzt verfällt es schon seit etlichen Jahren zunehmend

Seit vielen Jahren verkommt das ehemalige „Von-der-Ehe-Haus“ in Windhausen und ist zum Sicherheitsrisiko geworden. Doch die bürokratischen Mühlen malen langsam.

von Herma Niemann

In Windhausen kann man eigentlich gut leben. Es gibt dort noch einen Bäcker, einen Kindergarten, eine gute Dorfgemeinschaft und Vereine. Aber so ganz ungefährlich ist das Leben in Windhausen anscheinend doch nicht.

 

Zum einen: Ob Kinder, Erwachsene oder Senioren, wer an der Unteren Harzstraße und deren Verlängerung Am Kirchplatz über die Straße gehen will, muss seine Füße in die Hand nehmen und sprinten, um nicht überfahren zu werden. Schon seit vielen Jahren kämpft der Ortsbürgermeister, Burkhard Fricke, dafür, die Tempo-30-Schilder in dem doppeltem Kurvenbereich rund um die Kirche sichtbarer anzubringen und stärkere Kontrollen der Geschwindigkeit zu machen, da sich die meisten Autofahrer nicht an das Tempolimit halten würden.

Zum anderen: Und genau in diesem Kurvenbereich am Kirchplatz kommt noch ein weiterer Gefahrenpunkt hinzu, denn dort steht das ehemalige „Von-der-Ehe-Haus“ beziehungsweise das einstige Gasthaus „Zum Krug“, das schon seit vielen Jahren zu einer Schrottimmobilie verkommen ist. Herunterfallende Dachziegel und marodes Mauerwerk, Glasscherben von kaputten Fenstern: eine Gefahr für Fußgänger. Mindestens seit Dezember 2017 steht die Schrottimmobilie jedes Mal wieder auf der Tagesordnung des Ortsrates, der sich, wie die Einwohner auch, zurecht über die lapidare und ignorante Einstellung des Eigentümers aufgeregt. Mangels Zuständigkeit, konnte und kann die Gemeinde Bad Grund nicht tätig werden was einen notwendigen Abriss des Gebäudes angeht. Zuständig ist bei einem solchen Fall der Landkreis Göttingen, mit dem die Gemeinde diesbezüglich regelmäßig in Kontakt steht. Lediglich der Fußweg konnte durch die Gemeinde zum Schutz der Fußgänger abgesperrt werden. Das Haus ist abrissreif.

Im März des vergangenen Jahres hatten sich Vertreter der Verwaltung der Gemeinde Bad Grund und des Landkreises Göttingen zusammen mit Fachleuten zu einer Ortsbegehung getroffen. Dabei wurde festgestellt, dass die immer währende Feuchtigkeit durch das offene Dach die Standsicherheit des Hauses im wahrsten Sinne des Wortes weggespült habe. Damals hieß es von Landkreisseite, dass man den Eigentümer auffordern werde, die Mängel zu beseitigen, sonst drohe der Abriss. Passiert ist daraufhin aber nichts.

Im September 2020 wurde schließlich bekannt, dass die schrottreife Immobilie einen neuen Besitzer haben soll. Inzwischen war aber auch eine Abrissverfügung seitens des Landkreises bestandskräftig geworden. Passiert ist aber wieder nichts. Denn nun wollte man dem neuen Eigentümer die Chance geben, seine Zusage, das Gebäude wiederherzustellen, in die Tat umzusetzen. Der Bürgermeister der Gemeinde Bad Grund, Harald Dietzmann, berichtete in einer damaligen Sitzung, dass der Landkreis erst einmal die Anordnung des Abrisses nicht weiter verfolge und beobachten werde, was vor Ort passiere. Sollte sich aber nichts Überzeugendes tun, werde der Landkreis entsprechend reagieren. Ist seitdem etwas passiert? Nichts oder besser gesagt, nicht viel. Der neue Eigentümer hat lediglich zwei Fachwerkfelder versucht, zu sanieren und einige Stützen am linken Teil des Gebäudes angebracht, allerdings auch noch auf öffentlicher Fläche.

Im November des vergangenen Jahres hieß es von Seiten des Landkreises, dass man auf den Bericht des Statikers warte. Dieser sollte überprüfen, ob die Ständer entsprechend den Vorschriften sachgerecht und nicht nur zum Schein aufgestellt worden seien. Der Landkreis verfolge weiterhin die bestehende Abrissverfügung, deren Frist sich aber wohl durch die Übergabe an einen neuen Eigentümer verlängere, und erstelle gerade ein Leistungsverzeichnis für die Kosten und eine eventuelle Ausschreibung für einen Abbruch des Hauses.

Jetzt befinden wir uns im März 2021. Ist inzwischen etwas passiert? Nichts. Und darüber machte Ortsratsmitglied Heiko de Vries seinem Ärger auf der jüngsten Ortsratssitzung Luft. „Das kann doch nicht sein, dass das noch ein Jahr und noch ein Jahr so weiter geht und nichts passiert“, so de Vries „und um die Menschen hier vor Ort macht sich keiner Gedanken“. Die Menschen seien gezwungen, an einer doppelten Gefahrenstelle über die Straße zu gehen, und dazu seien vor kurzem noch die Schneemassen und das Glatteis gekommen. „Kein anderer Privatmensch kann sich solch ein widerrechtliches Verhalten erlauben. Das ist Verarschung, das gibt es nur hier“, so de Vries empört, der seine Äußerungen nicht als Angriff gegen Harald Dietzmann oder die Verwaltung der Gemeinde Bad Grund verstanden wissen wollte. „Wir werden vom Landkreis immer weiter vertröstet, bis mal wirklich ein schlimmer Unfall passiert. Und dann?“.

Das jetzige Schrotthaus hat schon eine bewegte, wenn auch nicht gerade eine glückliche Geschichte hinter sich. Das ehemalige Gasthaus „Zum Krug“ wurde in den 1980er Jahren von dem damaligen Wirt der „Alten Burg“ übernommen. Leider hatte er wohl kein glückliches Händchen, wenn es um die Bewirtung von vielen Bustour-Gästen im Saal des Hauses ging. Die gefüllten Busse blieben aus, und der Besitzer soll Hals über Kopf verschwunden sein. Anschließend kaufte ein Bremer das Haus, der daraus mehrere Wohneinheiten machte. Zu der Zeit soll dort im linken Bereich des Hauses auch ein Bordell gewesen sein. Ebenfalls in den 1980er Jahren wurde in dem Haus auch ein tragisches Verbrechen verübt, denn dort wurde ein vierjähriges Mädchen ermordet. „Seitdem war es ganz aus mit dem Haus und es ging immer weiter bergab“, wie der Ortsbürgermeister Fricke in einen Gespräch mit unserer Zeitung sagt. Zuletzt war dort eine Rettungswache des DRK ansässig. Seit irgendwann in den 1990er Jahren steht das Objekt leer, aber die Eigentümer wechselten immer mal wieder. Zwischenzeitlich witterten auch findige Geschäftemacher einen vermeintlichen Geldsegen und wollten zu Beginn der Flüchtlingswelle 2015 aus dem Haus eine Unterbringung für Flüchtlinge machen. „Retten kann man das Haus jetzt nicht mehr“, so Fricke.

Auf Nachfrage unserer Zeitung am 19. Februar nach dem aktuellen Sachstand bezüglich der noch bestandskräftigen Abrissverfügung beim Landkreis Göttingen, erhielt unsere Zeitung die Information des Pressesprechers Ulrich Lottmann, dass er die Anfrage an die Bauordnungsabteilung weiter geleitet habe. Als nach einer Woche noch keine Information der Bauordnungsabteilung vorlag, bat Lottmann auf unsere erneute Nachfrage hin um etwas Geduldet, da das Arbeitsaufkommen in der Abteilung momentan sehr hoch sei. Bis zu unserem Redaktionsschluss am gestrigen Freitag, lag unserer Zeitung immer noch keine Antwort vor.

Anmerkung der Redaktion: Allerdings werden wir die Stellungnahme der Bauordnungsabteilung des LK Göttingen umgehend an dieser Stelle veröffentlichen, sobald Sie uns vorliegt.


Außer Dreck auf dem abgesperrten Bürgersteig und einigen Stützen ist von Renovierungsarbeiten durch den neuen Eigentümer nichts zu sehen

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