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11.12.2020

Nicht nur Lernort, sondern Lebensraum


Trotz der Umstände durch die Corona-Pandemie mit positiver Grundeinstellung: Schüler Jonas Ropte und der Schulleiter Nils Passian an der Kletterwand der OBS Hattorf

Die Oberschule Hattorf macht das Beste aus der aktuellen Corona-Situation und legt weiterhin besonderen Wert auf die Entwicklung der Schüler

...von Herma Niemann

Eigenständig arbeiten und lernen, Persönlichkeit stärken, das Wir-Gefühl leben. Schule ist heutzutage mehr als nur ein Lernort, denn hier werden auch viele soziale Weichen für das Miteinander und das zukünftige Leben der Jugendlichen gestellt. Das Stärken der Sozialkompetenzen der Schüler hat einen wichtigen Stellenwert eingenommen. Und dann kam Corona. „Die Corona-Pandemie hat den Ort Schule komplett auf den Kopf gestellt“, so der Schulleiter der Oberschule Hattorf (OBS), Nils Passian, in einem Gespräch mit unserer Zeitung.

Aber trotz aller Umstände, Unwägbarkeiten und einer ungewohnten Situation, die es nun in der täglichen Schulorganisation zu bewältigen gelte, vermittelt Passian eine positive Grundstimmung: „Wir sprechen nicht von Problemen, sondern von Herausforderungen“. Alles, was ein Schülerleben so wertvoll gemacht habe, die nachmittäglichen Treffen mit Freunden, Veranstaltungen und der Sportverein, also alles, was für Jugendliche in der Pubertät wichtig sei, sei ihnen genommen und auf Eis gelegt worden, so Passian. Und deshalb sei es wichtig, kreativ zu bleiben, den Jugendlichen Alternativen anzubieten und den Ort Schule als Lebensraum und Begegnungsstätte zu erhalten. Sicher stehe im Vordergrund, dass die Schüler so wenig wie möglich an Unterrichtsstoff verlieren, aber die persönliche Entwicklung der Jugendlichen sei genauso wichtig.

Passian berichtet in dem Gespräch von den Anfängen der Corona-Krise im Frühjahr. Zu der Zeit sei man mit den neunten und zehnten Klassen gerade auf Ski-Exkursion in Südtirol gewesen. Die Situation sei über alle hereingebrochen, bis dann alles Schlag auf Schlag ging, und es zur Schulschließung im März gekommen sei. Im Nachhinein habe man gut reagiert, denn die OBS habe sofort ihr eigenes Kriseninterventionsteam aktiviert und schon vorher Aufgaben verteilt. Nicht nur in dieser Zeit sei das Kollegium über sich hinausgewachsen, lobt Passian. Für die Beschulung im Home-Office wurde die digitale Lernplattform Moodle initiiert, die sich sehr für das Distanzlernen eigne. Aufgaben, Tests, Videos und anschauliche Tutorials zum Lernen – dafür habe man sogar viele Komplimente von den Schülerschaft erhalten. Schüler hätten sich sogar bereit erklärt, Lexika zu erstellen. Auch wenn diese Art des Lernens zum großen Teil gut funktioniert habe, sei Präsenzunterricht natürlich durch nichts zu ersetzen. In dieser Zeit des Home-Office sei die soziale Schere schon sehr weit auseinander gegangen. Denn aus den unterschiedlichsten Gründen hätte nicht jedes Elternhaus die benötigte Unterstützung für die Schüler bieten können.

Dann sei der Wechselunterricht mit halben Klassen gekommen, der zumindest wieder ein konzentriertes Arbeiten vor Ort möglich gemacht habe. Momentan laufe der Schulbetrieb unter den gegeben Umständen normal im Präsenzunterricht. Hierbei gelte die Kohorten-Regel, die maximal 120 Schüler umfassen dürfe. Damit wird angestrebt, dass sich Quarantänebestimmungen im Infektionsfall nicht auf die gesamte Schule auswirken, sondern nur auf die Kohorte. An der OBS bestünde eine Kohorte aus einem Jahrgang, also zwei Klassen, was im Durchschnitt 40 Schüler betreffe. Aus diesem Grund sei Passian auch froh, dass der Schulträger, der Landkreis Göttingen, zugestimmt habe, den Schulstandort Wulften, der normalerweise schon geschlossen wäre, vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie offen zu halten. In Wulften werden momentan die siebten und achten Klassen und in Hattorf die fünften und sechsten sowie die neunten und zehnten Klassen beschult. Passian und das Kollegium sind darum bemüht, den Schulalltag so normal wie möglich zu gestalten. Kleine Dinge bewirken da oft viel. Gerade jetzt in der Vorweihnachtszeit werden deshalb die Schüler beim Ankommen mit einer Lichterkette vor und im Gebäude, einem beleuchteten Weihnachtsbaum und leiser Weihnachtsmusik durch die Lautsprecher begrüßt. Leider sei das Singen mit den Schülern nicht erlaubt, bedauert Passian. Zur Schultradition habe auch immer gehört, dass alle Jahrgänge gemeinsam am letzten Tag vor den Weihnachtsferien zum Weihnachtsgottesdienst in die Kirche gingen. Darauf wolle man nicht verzichten, müsse in diesem Jahr allerdings jahrgangsweise die Kirche besuchen. Auch im Bereich Sport sei man kreativ geworden. Bewegung und Sport ist wichtig, allerdings seien momentan nicht alle Sportarten erlaubt. Dann werde eben mal mit den Jugendlichen zum Geocasching nach draußen gegangen. Was die generelle Maskenpflicht in der Schule anginge, hätten sich alle inzwischen dran gewöhnt. Jede Klasse hat einen Lüftungsdienst, der alle zwanzig Minuten und in den Pausen den Klassenraum lüftet. Das sei fast schon zu einem Automatismus geworden. Dicke Jacken und Decken gehören inzwischen zum Klassenbild dazu. Einen direkten Corona-Fall oder dass jemand von der OBS in Quarantäne musste, habe es zum Glück noch nicht gegeben.

„Wir bewerten die Situation fast täglich neu und haben viele Szenarien vor Augen und Notfallpläne in der Schublade“, so Passian. Zudem werde die Moodle-Plattform für den Fall, dass die Schulen wieder geschlossen werden müssten, weiter gepflegt, um schnell wieder einsatzbereit zu sein.

„Ich bin auch begeistert von den Eltern, die haben sich in der Krise als Partner erwiesen“, so Passian. Die Eltern hätten nachgefragt, informiert und sich Gedanken gemacht, denn die Eltern würden ja ihre Kinder am Besten kennen und der Lehrerschaft ihr volles Vertrauen entgegen bringen. „Lehrer und Eltern tragen die Situation mit. Es ist zwar unbequem, aber wir müssen alle zusammenstehen und im Sinne der Kinder agieren“. Das spürbare Vertrauen der Eltern stärke das Kollegium ungemein. „In der Krise zeige sich die gute Basis und die gute Partnerschaft“, betont Passian.

Die beiden Schüler Jonas Ropte (16) und Tami Zornow (17), beide Klasse 10b, haben sich bereit erklärt, von den ungewohnten Bedingungen an ihrer Schule zu berichten. Als lästig, aber ein notwendiges Übel bezeichnen die beiden Schüler das permanente Tragen der Masken. Ob im Unterricht, in den Fluren, auf dem Schulhof – die Maske sitzt. Das sei zwar ein Muss, und dennoch, so Jonas, könne man am Ende eines langen Schultages fast gar nicht mehr richtig denken, weil die Maske einem schon zu schaffen machen würde. Positiv sei, dass das Verständnis auf beiden Seiten, also Schülern und Lehrer, größer geworden sei. „Wir wollen doch alle, dass es bald wieder besser wird“, sagt Tami. Es sei wichtig, sich an die Regeln zu halten. Auch im Hinblick auf das bevorstehende Weihnachtsfest, wenn man unbeschwert mit der Familie feiern möchte. „Ich möchte nicht dafür verantwortlich sein, dass zum Beispiel meine Großeltern krank werden, nur weil ich mich nicht an die Regeln gehalten habe“, betont die 17-Jährige. Was beide jedoch nicht nachvollziehen können und auch kein Verständnis dafür haben, sei die Situation in den Bussen. „In der Schule gilt die Kohorten-Regel, und die Busse sind rappelvoll, das passt nicht zusammen“, so die beiden Jugendlichen.

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Das Tragen der Mund-Nasen-Masken und die Händedesinfektion sind zum Schulalltag geworden

 

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