Kultur

28.07.2020

Du bist mir ein Dorn im Auge


Yasemin Özden

Die junge Künstlerin Yasemin Özden stellt Bilder aus, die in ihrer Auseinandersetzung mit eigenen Diskriminierungserfahrungen entstanden sind.

von Ralf Gießler

Göttingen) Der Aktionstag am 01. Juli gegen antimuslimischen Rassismus ist schon wieder vorbei, das Problem aber bleibt - leider. Denn jeden zweiten Tag wurde 2019 deutschlandweit eine Moschee oder Gebetsstätte aus islamfeindlicher Motivation angegriffen, 184 Fälle wurden gezählt, wobei die Dunkelziffer nach Expertenmeinung deutlich höher liegen dürfte (wir berichteten). Was also tun als Betroffener - resignieren, stillschweigend Diskriminierungen hinnehmen oder "Flagge zeigen" und aktiv das Übel angehen

Für Letzteres hat sich die junge Künstlerin Yasemin Özden aus Hannover sowie Studentin der Georg-August-Universität Göttingen, entschieden. Ihre Bilder sind in Auseinandersetzung mit selbst erlebten Diskriminierungserfahrungen entstanden und seit dem 27. Juni als Online-Ausstellung auf www.freeyourmind-art.de zu sehen. Auf Anfrage unter radipraev@ifak-goettingen.de ist sie auch für Kleinstgruppen bis zu vier Personen seit dem 01. Juli in der RadiPräv Fach- und Beratungsstelle in Göttingen, Am Leinekanal 4, persönlich besuchbar.

Die gemachten Erlebnisse während ihrer Schulzeit beschäftigt die 22-Jährige noch immer: "Geboren bin ich in Großburgwedel. Außerdem bin ich die Enkelin eines kurdischen Gastarbeiters aus der Türkei. Nach meinem Abitur entschied ich mich dazu zu studieren und zwar Englisch und Werte & Normen auf Gymnasiallehramt in Göttingen, wo ich auch wohne. Zu Beginn der Oberstufe hatte mir mein Lehrer einmal gesagt, dass ich gut integriert sei. Wie kann ich gut in eine Gesellschaft integriert sein, wenn ich doch ein Teil dieser bin? In diese hineingeboren bin und sogar mein Vater hier schon die Grundschule besucht hat? Diese damals getätigte Aussage macht doch eigentlich nur deutlich, dass ich nie ganz ein Teil dieser Gesellschaft sein könnte, obwohl doch Deutschland meine Heimat ist, mein Großvater für dieses Land gearbeitet hat und auch meine Eltern ihren Beitrag zu dieser Gesellschaft leisten. Wenn ich in der Türkei bei Verwandten bin, werde ich dort eher als Deutsche gesehen. Außerdem sage ich bewusst, dass ich deutsche Muslimin mit kurdischen Wurzeln bin. Einmal hatte mein Lehrer über die Scharia gesprochen und mich dann erwartungsvoll angesehen, da er meinte, ich müsste doch etwas dazu sagen können. Ich trug kein Kopftuch - wieso gehen Menschen aufgrund der Haar- oder Hautfarbe gleich davon aus, diesem Menschen eine bestimmte Religion zuordnen zu können? Vielleicht glaube ich nicht, vielleicht bin ich Christin? Eine armenische Bekannte erzählte mir einst, dass auch sie nur wegen ihrer dunklen Harrfarbe Islamfeindlichkeit erlebte, obwohl sie als Armenierin Christin ist."

Die Haltung des Lehrers führte dazu, dass Yasemin Özden sich mehr mit dem Islam auseinandersetzte und gleichzeitig die Religion zu lieben lernte. So habe sie letztendlich realisiert, dass die Lehrkraft nicht reflektierte, sondern einfach nur pauschalisierte: "Immer musste ich die entsetzten Gesichtsausdrücke meiner Mitschülerinnen sehen, und das tat mir wirklich im Herzen und in der Seele weh." Nach einem Jahr habe Özden begonnen, ein Kopftuch zu tragen, es kam von ihrem Herzen: "Von nun an wollte ich mich für interreligiöse Verständigung einsetzen. Es war wirklich eine Last, die ich auf mich genommen habe, denn in diesem Leben kann man nicht alle Menschen überzeugen, zum Beispiel, dass nicht jeder Muslim zum IS gehört, nicht alle Muslime Terroristen sind. Ich trage nicht die Verantwortung für das Denken so vieler Menschen, und ich kann nicht mein ganzes Leben damit verbringen, solche Menschen vom Gegenteil zu überzeugen. Mit dieser Erkenntnis hat sich auch vieles für mich persönlich verändert. Plötzlich war ich weniger gestresst, und ich habe mich primär um meine eigenen Interessen gekümmert. Ein so junges Mädchen wie ich kann nicht alleine all‘ das verändern, was sich in den Köpfen so vieler nicht ändern lässt. Wenn das überhaupt klappt - eher nicht."

Eine Sache empfand Yasemin Özden zu der Zeit, als sie schon ein Kopftuch trug, sehr heftig. Und zwar bemerkte ein Lehrer, dass Islamisierung zu früheren Zeiten über Kriege erfolgte, heute über Migration. "Der Fakt, dass erst die Aussagen einer solchen Lehrperson mich dazu gebracht haben, mich mehr mit meiner Religion auseinanderzusetzen, zeigt, wie gefährlich ein solches Denken, wie das meines Lehrers, sein kann. Was wäre, wenn ich damals nicht reflektiert genug gewesen wäre und vielleicht sogar auf irgendwelche Foren gestoßen wäre, die mich letztendlich wirklich radikalisiert hätten? Das beschäftigt mich wirklich sehr, da ich weiß, dass ich mit meinem Denken und meiner Art damit umzugehen, echt Glück hatte. Umso mehr sorge ich mich um andere Jugendliche und Kinder, die mit einer solchen Lehrperson zu tun haben, und sie mit ihrer angesammelten Wut und Trauer nicht weiter wissen."
Damals habe sie leider keiner verteidigt oder das Wort für sie erhoben - weder ihre Klassenkameraden, noch andere Lehrer, die von diesen diskriminierenden Aussagen wussten: "Mein Umfeld war entsetzt über das, was mein Lehrer erzählt hat, wie Muslime sein können bzw. was sie tun würden. Leider hat mich niemand direkt verteidigt. Nur manchmal haben wir unter uns hin und wieder über ein paar Aussagen gesprochen. Entweder haben sie es nicht als so schlimm wahrgenommen, weil sie selbst nicht betroffen waren, oder sie haben sich, genau wie ich damals, nicht getraut etwas zu sagen." Heute trage sie das Kopftuch nur noch für das Gebet. Aber es gebe auch Positives zu berichten: "An der Uni Göttingen habe ich bisher nichts Negatives erlebt, zumindest kann ich mich nicht erinnern. Vor allem aber habe ich sehr Positives in der Hinsicht erlebt mit einigen Professoren. Ich hoffe wirklich sehr, dass meine Geschichte viele Menschen erreicht und ich damit auch anderen Betroffenen zeige, wie wir mit Diskriminierung umgehen können. Wir sollten nicht still sein und uns immer äußern, wenn wir uns ungerecht behandelt fühlen."

Ihre ausdrucksstarken Werke sind noch bis Ende August zu sehen. Betrachtet man die Bilder online und klickt auf sie, werden sie großformatig angezeigt. Erläuternde Texte dazu oder zum Teil auch hinterlegte Audiodateien enthalten weitere Informationen.


Du bist mir ein Dorn im Auge

Aussagen meiner Lehrer

Desert Rose

 

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