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26.05.2020

Neunzig Jahre und kein bisschen müde


Werner Bluhm in Bad Grund

Wahl-Bad Grunder Werner Bluhm blickte auf sein bewegtes Leben zurück

...von Ralf Gießler

Im März 2020 jährte sich das Wiegenfest von Werner Bluhm bereits zum 90. Mal. Der gebürtige Berliner, der seit einigen Jahren in Bad Grund wohnt, kann auf eine lange Lebensspanne zurückblicken, prall gefüllt mit zahlreichen persönlichen und historischen Ereignissen.

Jetzt, 75 Jahre nach dem Weltkriegsende, war es Bluhm ein Bedürfnis, sich wiederholt zu Wort zu melden, um besonders der jüngeren Generation mahnend von seinen Erlebnissen während des Krieges zu berichten: "Geboren wurde ich in Berlin. Bis 1942 verbrachte ich dort auch meine Jugend. 1942 wurden wir nach Ostpreußen evakuiert, im Herbst '44 ging es wieder zurück nach Berlin. Donnergrollen kündigte uns akustisch an, dass die Front immer näher kommt. Die Erinnerung an die Flucht geht nicht aus meinem Kopf."

In der heutigen Bundeshauptstadt rettete ihm damals ein Baum das Leben: "Ich war bei Karstadt, um dort zu "requirieren", also um Lebensmittel zu besorgen. Plötzlich hörte ich Beschuss seitens der Russen durch Panzer oder Kanonen. Die SS kam vorbei und jagte alle aus dem Gebäude, denn sie wollten es sprengen. Ich rannte weg und sah dabei 15 russische Flugzeuge im Tiefflug anfliegen. Hinter einem Baum ging ich in Deckung, der mich wegen seiner Dicke schützte und vor Schlimmeren rettete. Trotzdem habe ich eine Verletzung am Kopf bekommen und wurde ohnmächtig. Vom Baum weg wurde ich dann in einen Bunker geschleppt, der in der Nähe stand. Die hygienischen Bedingungen dort waren katastrophal. So oft es ging zog es mich daher raus ins Freie.

Es gab einen Hof mit einem einzigen funktionsfähigen Hydranten, aus dem man Wasser schöpfen konnte. Dort schlugen zehn Soldaten einen Kameraden, einen Unteroffizier, mit ihren Gewehrkolben zu Tode. Sie wollten endlich Schluss mit dem Krieg machen, denn bei Befehlsverweigerung drohte ihnen ja die standrechtliche Erschießung."

Zum Glück habe er wegen des Krieges keine Alpträume. Auch blieb er, weil er Flüchtling war, von einem Kampfeinsatz als letztes Aufgebot verschont. So habe die Flucht etwas Gutes gehabt. Natürlich sei er, wie die meisten seiner Altersgenossen, Mitglied der Hitlerjugend gewesen: "Für mich bestand die Hitlerjugend aber nur aus Sport, das Militärische hat mich nicht so interessiert." Er frage sich, warum man früher Hitler nicht umgebracht habe. Überhaupt sei unverständlich für ihn gewesen, dass ein einzelner Mann so viel Macht in seinen Händen bündeln konnte. Das starke Aufrüsten vieler Nationen in der heutigen Zeit bereite ihm Sorgen, ebenso das Wiedererstarken rechter Ideen. In diesem Zusammenhang wünsche er sich ein rigoroseres staatliches Vorgehen gegen rechte Gruppierungen, denn "es kann doch nicht sein, dass Rechte wieder hochkommen mit samt ihrer Ideologie!"

Auch für die Jugend habe er einen Tipp parat, nämlich weniger Zeit am Smartphone verbringen, dafür mehr mit Sport. Überhaupt bestimmte der Sport seit jeher einen großen Teil seines Lebens. Im gemütlichen Wohnzimmer geben zahlreiche Medaillen und Urkunden Zeugnis für seine Leidenschaften ab. Motorboot fahren, Motorradrennen und Campen waren einige seiner Leidenschaften. Am 16. September 1951 brachte Bluhm als Westberliner das einmalige Kunststück fertig, DDR-Meister für Motorboote der Klasse TS 98 ccm zu werden. Auch lagen ihm seine Mitmenschen stets am Herzen. Für seine besonderen Verdienste zeichnete ihn 1976 die Funk-Rettungsstaffel Berlin - eine freiwillige Organisation zur Rettung von Menschenleben und Sachwerten - mit der Ehrennadel in Silber aus. Jahrelang war er Zweiter Vorsitzender der Staffel. Besonders stolz mache ihn die gelungene Sammlung für Rettungswagen in Höhe von 90.000 Mark.

Mit dem Harz ist Bluhm seit Jahrzehnten u.a. durch Urlaube verbunden. Erstmalig zog er Ende der siebziger Jahre nach Riefensbeek-Kamschlacken, um dort eine ehemalige Pension zu kaufen. Urlaube in Paris, Budapest, London oder Norwegen gehören zu den vielen schönen Erinnerungen an vergangene Zeiten. Zwar ging es nochmals zurück nach Berlin, aber seit einigen Jahren sei Bad Grund seine Wahlheimat, weil dort Teile der Familie wohnen. Mit Schmerz erfülle ihn der Verlust zweier Partnerinnen durch Krebs. Umso schöner daher, dass er eine neue Gefährtin gefunden habe.

Müßiggang sei seine Sache nicht, Aktivität, auch jetzt mit 90 Lenzen, das Gebot der Stunde. Diese Aktivität, sein Lebensmut, liebe Menschen an der Seite und die selbstgebaute Sauna, die er regelmäßig nutze, verschönern seinen Lebensabend hier im Harz. Nicht zu vergessen die täglichen zwei Gläschen Rotwein, sein Gesundheitselixier seit nunmehr 30 Jahren. Die erlebten Geschehnisse im Krieg machen einen Teil seines Lebens, seiner gemachten Erfahrungen aus. Wenn dieser Krieg nicht gewesen wäre, "wäre ich gern Lokomotivführer geworden und nicht Büromaschinenmechaniker", erklärte Werner Bluhm abschließend schmunzelnd.


Sport bestimmte sein Leben

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Als 7 oder 8 Jähriger

Auswahl seiner Auszeichnungen

 

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