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28.05.2020

Wollmarkt-Krise war das Aus für die Strumpffabrik


Das heutige Gebäude steht nach einigen Umbauten leer. Pearl will den Betrieb im kommenden Jahren wieder aufnehmen

Weitere Unternehmen versuchten sich an dem Standort

...von Herma Niemann

Im Jahr 1951 war der Bau eines neuen Fabrikgebäudes in Gittelde bei vielen Einwohnern mit der Hoffnung auf einen guten Arbeitsplatz verbunden. Eine Strumpf- und Wirkwarenfabrik sollte es werden, die später die Anfänge der FUBA begründeten, in einem Hallenrohbau an der Thüringer Straße direkt gegenüber dem Anger, dem heutigen Sportplatz.

Die Gründung der Strumpffabrik war ein vielversprechendes Vorhaben und dazu noch eine spannende Nachkriegsgeschichte, die in einem großen Strafprozess vor dem erweiterten Schöffengericht in Seesen endete. In den örtlichen Zeitungen sei damals über diesen Prozess ausführlich berichtet und von den Gittelder Bürgern mit Spannung verfolgtworden. Die Informationen hat der Heimatchronist Bodo Biegling aus den Aufzeichnungen von Otto Dörge. „Noch heute ist dieser Prozess bei vielen älteren Bürgern als der `Der Gittelder Monsterprozess` in Erinnerung“, Biegling es nennt.

Dabei habe alles klein und überschaubar angefangen, denn zwei einheimische Kaufleute übernahmen in Gittelde in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg das alteingeführte Geschäft „Georg Klußmann“ in der Langen Straße. In den Nachkriegsjahren konnten in dem kleinen Dorfladen jedoch keine großen Gewinne erwirtschaftet werden. So wurde bereits kurz nach der Währungsreform ein weiteres Standbein geschaffen. Bereits 1949 gründeten die beiden Geschäftsleute einen Großhandel für Wollwaren mit einem Anfangskapital von 10.000 Mark. Gehandelt wurde in angemieteten großzügigen Geschäftsräumen in bester Geschäftslage von Hannover. Der wirtschaftliche Erfolg blieb jedoch aus, so Biegling, es wurden von Anfang an Verluste geschrieben. Hier kam es bereits zu den ersten Unregelmäßigkeiten. Im Februar 1951 wurde eine Offene Handelsgesellschaft zur Herstellung von Strumpf- und Wirkwaren gegründet. Gesellschafter waren die beiden Gittelder Kaufleute. Gebaut wurde auf dem freien „Dreieck“ gegenüber dem Anger. Ein Platz, der während der NS-Zeit der „Adolf–Hitler-Platz“ war, auf dem am 1. Mai 1933 eine Hitler-Eiche gepflanzt wurde und wo regelmäßig Kundgebungen und Aufmärsche stattfanden. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde sie im August 1945 wieder gefällt. Die in einer Flasche befindliche Pflanz-Urkunde mit unbekannten Texten wurde dabei sichergestellt, ihr Verbleib ist leider nicht bekannt.

Die Finanzierung des Gittelder Vorhabens zum Bau des Gebäudes und Kauf der Fabrikationsmaschinen konnte nur mit Krediten erfolgen, da seitens der Gesellschafter kein Eigenkapital vorhanden war. Ein Schweizer Geldgeber brachte sich ein und sagte eine Finanzierungssumme von 600.000 Mark zu. Guthaben dieser Art unterlagen nach der Währungsreform einer Devisenbewirtschaftung und konnten nur unter bestimmten Voraussetzungen und mit Zustimmung der Bank Deutscher Länder verfügt werden. Daher wurde die Bereitstellung der Kreditsumme aus diesem Guthaben in Teilbeträgen bis 1957 vereinbart. Gesichert war dieser Kredit durch eine Grundschuld über 300.000 Mark an dem zu errichtenden Fabrikgebäude. Für das Bauvorhaben wurde ein Bauunternehmer aus Clausthal- Zellerfeld beauftragt. Die notwendigen Maschinen wurden aus den ersten Kreditraten finanziert, die bis März 1952 in Höhe von 170.000 Mark ausgezahlt waren. Seitens des Großhandelskaufmanns und Kreditgebers aus der Schweiz erfolgte außerdem die Lieferung von Wollgarnen im Werte von 63.000 Mark. So sollte kurzfristig die Produktion zunächst im Saal der Gastwirtschaft Wolf und später im Kellergeschoss des Rohbaus aufgenommen werden. Während der Bauphase waren in den behelfsmäßig eingerichteten Produktionshallen 25 Arbeiter und Angestellte beschäftigt. Die ersten Probleme traten auf, als es während des Baues und der provisorisch laufenden Produktion zu erheblichen Turbulenzen auf dem internationalen Wollmarkt kam, die zu großen Preisstürzen führten. Der Schweizer Geldgeber stellte daraufhin seine Zahlungen ein. Bis zu diesem Zeitpunkt waren 233.000 Mark ausgezahlt. Durch den Zahlungsstopp ergab eins das andere: Es kam zu Zahlungsschwierigkeiten, der Bauunternehmer stellte seine Arbeiten ein und andere Gläubiger leiteten Zwangsvollstreckungsmaßnahmen ein. Maschinen, Fertigwaren und Rohstoffe wurden gepfändet. In dieser noch unverschuldeten Situation versuchten die Kaufleute, andere Kreditgeber zu finden oder öffentliche Gelder zu erhalten. Diese Versuche schlugen jedoch fehl, sodass im Sommer 1952 das Konkursverfahren eingeleitet werden musste, das jedoch mangels Masse abgewiesen wurde. Trotz der aussichtslosen Situation gaben sich die beiden Unternehmer nach Außen weiterhin als finanzstark aus und gingen leichtfertig weitere Verpflichtungen und auch Täuschungsmanöver ein, die ihre Situation noch auswegloser machten und zur Einstufung als kriminelle Handlungen führten.

Die örtlichen Zeitungen berichteten ausführlich über das Verfahren, wie Bodo Biegling aus den Aufzeichnungen des Ortschronisten Otto Dörge zu berichten weiß. Das Projekt Strumpffabrik endete für die beiden Hoffnungsträger mit hohen Geld- und Gefängnisstrafen. Für beide waren die Urteile außerdem mit der Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte verbunden, was soviel bedeute dass dies ein Ehrverlust als Nebenstrafe im deutschen Strafrecht mit sich zog. Damit erlosch das Recht zu wählen und gewählt zu werden und das Recht auf ein öffentliches Amt.

Überlieferungen zufolge sei der spätere Gründer der FUBA, Hans Kolbe, bei einer Harzrundfahrt auch durch Gittelde gekommen, wie Biegling weiter berichtet. 1959 gründete er die FUBA und erweiterte die Gebäude. Seitdem gab es in Gittelde eine Leiterplattenproduktion. Bis 1998, also knapp 40 Jahre lang, gehörte die Produktionsstätte zu FUBA Hans Kolbe & Co., einem Unternehmen, das vor allem durch seine Satellitenantennen bekannt wurde. Danach übernahm die Vogt Electronic AG das seit 1995 als FUBA Printed Circiuts GmbH firmierende Unternehmen. Nach einer Umfirmierung erfolgte zum 1. Oktober 2003 die Herauslösung der Leiterplattenproduktion aus dem Vogt-Konzern. Im Jahr 2008 übernahm die Lamitec-Holding AG (Neu-Ulm) die FUBA. 50 Jahre nach der Gründung im Jahr 2009 folgte jedoch das Aus für die FUBA und damit auch für rund 250 Mitarbeiter. Viele Angestellte trafen sich vor dem Werksgelände, um gegen die geplante Betriebsschließung zu demonstrieren. Emotionale Aussagen waren damals zu hören: „Wir sind nach unserer Kündigung und der damit verbundenen Freistellung wieder gekommen, um die uns übertragenen Arbeiten pflichtbewusst zu erfüllen. Wir hatten und haben die Hoffnung, mit unserem Arbeitseinsatz können wir dazu beitragen, dass der Betrieb weitergeführt wird“.

Nach dem Aus für die FUBA gab es jedoch doch auch immer wieder Bewegung am dortigen Standort. Von 2012 bis 2016 hatte die Warenhandelsgesellschaft Jago dort ihr Vertriebs- und Logistikzentrum in der Bahnhofstraße, wo Callcenter, Rücksende- und Versandzentrum des Online-Versandhändlers angesiedelt waren. Allen 60 Mitarbeitern wurde jedoch kurzfristig gekündigt. Eine telefonische Stellungnahme gab das Unternehmen nicht ab. Per E-Mail wurde damals als Grund für die Aufgabe des Standortes die Verlagerung des Versandes nach Hückelhoven und des Callcenters nach Serbien genannt. Später, im Jahr 2017, konnte man die Insolvenz in den Nachrichten verfolgen.

Auch der Onlinehändler Pearl versucht sich an dem Standort in Gittelde. Im März 2018 wurde Pearl der neue Besitzer der Immobilie, wo eine technische Hotline sowie ein Bestellannahme und ein Auskunfts-Callcenter ebenso wie ein Ersatzteillager und eine Reparatur-Aufbereitung angesiedelt werden sollten. Das Unternehmen arbeitet aktuell am Ausbau des Standorts und plant Anfang nächsten Jahres die Inbetriebnahme als Lager- und Versandstandort. Auf Nachfrage unserer Zeitung berichtete die Pressesprecherin Dr. Eyla Hassenpflug, dass aktuell niemand außer dem Hausmeister, der die Anlage für pflegt, dort beschäftigt sei. „Wir können das Lager erst in Betrieb nehmen, wenn alle Prüfungen und Genehmigungen aktualisiert sind. Durch die Insolvenz des Vorbesitzers und den Stillstand muss einiges nachgeholt werden“, so Hassenpflug.


Historische Ansicht: Auf dem „Dreiecksgelände“ an der Thüringer Straße gegenüber dem Sportplatz sollte die Strumpffabrik entstehen

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In dem Hauptgebäude war 50 Jahre lang die FUBA, danach Jago und jetzt Pearl angesiedelt

 

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