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20.01.2020

Erfolgsmodell auf der Kippe: Gibt es eine Folgelösung für die BIG?


Das Gebäude der BIG am Bahnhof in Gittelde. Dort befindet sich das Büro, das Möbellager und die Werkstatt.

Zum Ende diesen Jahres hat der Geschäftsführer Joachim Grupe seinen Rücktritt angekündigt / Ein Nachfolgekonzept muss gefunden werden

von Herma Niemann

Gittelde. Es ist keine stupide Beschäftigungstherapie oder das „billige“ Erledigen von Arbeiten. Vielmehr ist das Ziel der Betreuungsinitiative der Gemeinde Bad Grund (BIG) die soziale Integration von Menschen, die auf normalem Wege nicht die Möglichkeit haben, sich auf dem Arbeitsmarkt zu behaupten.

Und das funktioniert in der Gemeinde Bad Grund bereits seit 1994, damals begann alles mit dem neu gegründeten Verein „Arbeiten und Lernen“, aus dem sich über die Zeit ein in sich greifendes Netzwerk entwickelt hat. Keine Privatpersonen, aber die Gemeinde, Verbände und Kirchen haben seither von dem Projekt profitiert. Doch wie bei anderen Vereinen auch, steht und fällt der Erfolg mit der handelnden Hauptperson. In diesem Fall ist das der ehrenamtliche Geschäftsführer der BIG, Joachim Grupe (ehemaliger Fachbereichsleiter Inneres und Soziales).

Aus verschiedenen Gründen habe er nun seinen Rückzug aus diesem Amt, das er seit 21 Jahren inne hat, zum Ende dieses Jahres angekündigt, wie Grupe in einem Gespräch mit unserer Zeitung berichtet. „Mit der BIG haben wir für die Gemeinde Probleme gelöst, die die Gemeinde alleine und in dieser Form nicht hinbekommen hätte“. Wegen seines angekündigten Rückzugs, müsse sich der Vorstand des Vereins „Arbeiten und Lernen“ mit seinem Vorsitzenden, dem Gemeindebürgermeister Harald Dietzmann, momentan Gedanken um die Form der Fortführung machen. „Es wäre schlimm, wenn wir diese Einrichtung verlieren würden. Denn Menschen, die sonst kaum eine Chance hatten, haben hier eine Heimat gefunden“.

Um das Konstrukt dieses integrativen Netzwerkes zu verstehen, muss man wissen, dass über allem der Verein steht. Darunter befindet sich die BIG, die aus drei Säulen besteht. Dazu zählt zum einen das Jugendcafé in Badenhausen (dort ist auch die Jugendpflege der Gemeinde mit der hauptamtlichen Jugendpflegerin Melanie Henschel angesiedelt) mit zwei Stammkräften und zum anderen die Werkstatt im Gebäude der BIG am Bahnhof in Gittelde mit sieben Stammkräften. Hierfür besteht eine Vereinbarung mit dem Landkreis Göttingen, der für dieses Jahr fünf Arbeitsgelegenheitsplätze (AGH) genehmigt hat. Besetzt werden die Stellen durch das Jobcenter. Diese AGH-Vereinbarung läuft zum Ende des Jahres aus und wird gerade auf Verlängerung überprüft. Seit 2015 kam mit der Flüchtlingsbetreuung die dritte Säule dazu, mit einem Dienstleitungsvertrag mit dem Landkreis Göttingen. Auch dieser Vertrag läuft zum Ende dieses Jahres aus, da der Landkreis die Flüchtlingshilfe zukünftig in anderer Form organisieren will. Hier war die BIG zu Zeiten der großen Flüchtlingswelle Dienstleister mit Hilfe von schulischen Angeboten und Lehrgängen.

Zur Entstehung der BIG: Zum 31. Dezember 2012 musste die im Jahr 1994 gegründete Beschäftigungsinitiative der Samtgemeinde Bad Grund (BIS) eingestellt werden, da die Fördermittel des Bundes gestrichen und somit eine Finanzierung nicht mehr sichergestellt werden konnte. Der Verein „Arbeiten und Lernen“ in der damaligen Samtgemeinde Bad Grund, der schon als Träger der BIS auftrat, sorgte durch eine Satzungsänderung für die Entstehung der Betreuungsinitiative Gemeinde Bad Grund (BIG).

Hinsichtlich Funktion und Arbeitsweise verfolgte man weiter die Grundsätze der BIS, musste jedoch auch neue konzeptionelle Wege einschlagen. Unterstützung und Hilfe erhielten in der neuen Initiative nach wie vor Langzeitarbeitslose, Sozialhilfeempfänger sowie Menschen mit Migrationshintergrund. Mit der neuen Satzung wurden die Schwerpunkte Jugendarbeit, Jugendhilfe und Unterstützung der ehrenamtlichen Tätigkeiten in der Gemeinde beibehalten. Gerade bei der Arbeit des Jugendcafés in Badenhausen zeigten sich die positiven Auswirkungen durch die Eingliederung von Frauen in den Arbeitsmarkt. Erschaffung einer Tagesstruktur, Anlernen und Anleiten, begleitende Unterrichte, Fortbildungen und Schulungen sowie Erweiterung der fachlichen Qualifikation, die die persönliche Weiterentwicklung fördern, blieben weiterhin die Eckpunkte der BIG, die Hilfe zur Selbsthilfe bietet.

Die Bezieher von Hilfeleistungen können Mitglied im Verein „Arbeiten und Lernen“ werden. Die Teilnehmer bleiben weiterhin im Leistungsbezug des Jobcenters und müssen sich an die Weisungen des Jobcenters halten. Die angebotenen Dienstleistungen der BIG beziehen sich auf gemeinnützige Arbeiten, von denen die Gemeinschaft wie Kindergärten, Schulen, Vereine und Verbände profitiert haben und auch noch zumindest bis Ende 2020 profitieren werden. Viele Dinge, wie etwa die Instandsetzung der Aussichtsplattform am Hübichenstein, wären ohne den zusätzlichen Einsatz der BIG nicht machbar gewesen, so Grupe. Aber die BIG wirkt auch an vielen weiteren Projekten mit, wie an landschaftspflegerischen Maßnahmen in der Gemeinde sowie bei Reparaturen und beim Bau von Spielgeräten in den Kindergärten.

Was viele wohl auch nicht wissen ist, dass die BIG die Niedersächsische Landesforst bei der Herrichtung des Weltwaldes in Bad Grund maßgeblich unterstützt hat. Die BIG war nie und ist auch heute keine Konkurrenz für Firmen. Die ehrenamtlichen Teilnehmer hätten viel für ihren späteren Beruf gelernt, betont Grupe. Dabei handelt es sich um Tätigkeiten, wie Rasenmähen, Malerarbeiten oder hauswirtschaftliche Angelegenheiten. Die geringen Aufwandsentschädigungen für die Flüchtlinge und die Ehrenamtlichen sind als kleiner Obolus anzusehen. „Hier geht es nicht um Geld, sondern um das Gefühl als arbeitender Mensch gebraucht zu werden“, so Grupe, der sich mehr soziales Gespür auf politischer Ebene wünschen würden.

Und dann ist da noch das Jugendcafé, das unter anderem nach Schulschluss der Oberschule von Jugendlichen frequentiert wird. Dort gibt es nicht nur Snacks und kleine Mittagessen sondern auch Gespräche. Ein sozialer Anlaufpunkt. Nöte und Sorgen, aber auch Erfolgserlebnisse werden dort ausgetauscht. Viele andere Aktionen finden dort ebenfalls mit Unterstützung der BIG statt. Auch das schon seit vielen Jahren erfolgreiche und umfangreiche Ferienprogramm der hauptamtlichen Jugendpflegerin wäre ohne die Unterstützung der Stammkräfte von der BIG nicht zu bewältigen gewesen. In den vergangenen Jahren musste die BIG immer wieder um ihren Fortbestand bangen, sei es wegen auslaufender finanzieller Förderungen, Gesetzesänderungen oder Umstrukturierungen beim Sozialamt im Zuge der Landkreisfusion. Immer wieder musste eine neue Konzeption gefunden werden.

Grupe habe nun darum gebeten, bis Mitte des Jahres vom Vorstand des Vereins informiert zu werden, ob und in welcher Form es eine Folgelösung geben soll. Grupe selbst müsse nicht lange darüber nachdenken, ob es für ein solches soziales Projekt überhaupt noch eine Notwendigkeit gebe. „Ich kenne in diesem Projekt nur Gewinner und hoffe auf einen Fortbestand“, so Grupe.


Der ehrenamtliche Geschäftsführer Joachim Grupe hofft einen Fortbestand der BIG, die bei einer Folgelösung möglicherweise eine neue Konzeption braucht.

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Ab 2015 wurden bei der BIG auch Flüchtlinge durch die Zusammenarbeit mit Einheimischen erfolgreich integriert.

 

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