Kultur

07.11.2019

Gepfefferte Gemeinheiten unter der Gürtellinie


Dietmar Wischmeyer und Oliver Kalkofe als „Die Arschkrampen“ in der Osteroder Stadthalle

von Christian Dolle

Weißt du noch damals? Ende der 80er, Anfang der 90er. Smartphones und Youtube gab es noch nicht, stattdessen hockten wir vorm Radio. Songs, die uns gefielen, haben wir auf Kassette mitgeschnitten und geflucht, wenn der Moderator reingequatscht hat. Die „Grenzwellen“ mit Ecki Stieg gehörten zum Pflichtprogramm und natürlich und vor allem das „Frühstyxradio“.

Frieda und Anneliese, Onkel Hotte und auf jeden Fall die Arschkrampen. Was zuvor auf dem Schulhof die Gespräche über die Wetten bei „Wetten dass“ waren – wenn wir denn länger auf bleiben durften – waren nun die neuen Folgen der so unfassbar unverschämt anarchischen Comedyserien. Wenn unsere Eltern zufällig ins Zimmer platzten, regten sie sich auf, dass solcher Scheiß überhaupt im Radio laufen durfte, später schüttelten sie nur noch voller Unverständnis den Kopf.

Apropos später: Später haben wir im Fernsehen natürlich jede Folge Kalkofes Mattscheibe verschlungen (und tun es bis heute) und feiern SchleFaZ, ebenso wie wir uns über Wischmeyers Logbuch der Bekloppten und Bescheuerten in der heute-show freuen oder wenn Günther der Treckerfahrer über Knöllchen-Horst ablästert. Doch wenn wir ehrlich sind – ganz so wie früher zu Frühstyxradio-Zeiten ist es doch nicht mehr.

Premiere der neuen Tour

Ist es eben doch! Das jedenfalls bewiesen Dietmar Wischmeyer und Oliver Kalkofe mit dem Start ihrer neuen Livetour in der Osteroder Stadthalle. „Die Arschkrampen – Radio Weltmission“ heißt die Show und spielt zu einer Zeit, in der Schurke Brettermeier über Brettbook, Brettagram und Urinoko Prime die Welt beherrscht und ihr Untergang somit kurz bevorsteht. Noch einmal treffen sich Kurt Krampmeier und Gürgen Ferkulat, um über die gemeinsame Vergangenheit zu philosophieren und sich, nun ja, gepfefferte Gemeinheiten unter der Gürtellinie an die Köppe zu knallen.

Das besondere dabei ist, dass Wischmeyer und Kalkofe an ihren Pulten stehen, den Fokus genau wie damals allein auf den Text legen und einzig und allein Geräuschemacher und Beatboxer Pete „The Beat“ Wehrmann für die passenden Radio- bzw. Hörspielsounds sorgt. Es ist also auch eine Hommage an die Zeit des Radios, genau wie sich hinter vielen Blödeleien auf den zweiten oder auch erst auf den dritten Blick bissige Zeitkritik mit Tiefgang verbirgt.

Zeitreise in die Vergangenheit

Das jedenfalls ist der erste Teil der Show. Dann jedoch gelingt Kurt und Gürgen ein Zeitsprung in die Vergangenheit und plötzlich stehen dort nicht mehr zwei gereifte Comedians in zurückhaltenden schwarzen Anzügen auf der Bühne, sondern der leibhaftige mehrfach unbegabte Hauptschulabbrecher Kurt und der bemitleidenswerte Mittelschulabsolvent Ferkel. Wie schon damals tragen sie ihre Hassliebe in schonungslosen Wortgefechten aus und bedienen sich dabei einer analfixierten, aber ausgefeilten Ausdrucksweise, die ebenso politisch unkorrekt und unverschämt wie unvergleichlich und unnachahmlich ist, und beleidigen einander in einer Schlagzahl, die selbst für Hasstrolle in den heutigen sozialen Netzwerken zu schnell erscheint oder für die diese schlicht zu schlicht wären.

Dabei stehen sie wieder „Bei Gertrud“ am Tresen und kippen Ballerbrühe. Sie reden übers Poppen und darüber, wie sinnlos das doch sei, wenn es keinen Spaß machen würde. Und sie vertiefen sich in den alkoholgeschwängerten Austausch über eine Welt, in der es zwar auch Gut (für Kurt vor allem in Form von Kurt) und Böse (natürlich in Form von Brettermeier, dem Leguan und eigentlich allem anderen außer Kurt) gibt, die aber so viel einfacher strukturiert ist als unsere.

Tatsächlich fühlt es sich genau an wie damals, es fühlt sich an als sei ich für zwei Stunden noch einmal 15 gewesen und ich bin mir sicher, wenn meine Eltern zufällig in den Saal geplatzt wären, hätten sie sich aufgeregt, dass so etwas überhaupt in der Stadthalle aufgeführt werden darf oder hätten nur voller Unverständnis den Kopf geschüttelt. Weißt du, ich denke, ich hätte die Show gerne auf Kassette mitgeschnitten, damit du beim Anhören auch noch einmal in die Vergangenheit hättest reisen können.





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